„Uns geht es darum, aufmerksam zu werden” – Nachgeforscht bei Dr. Susanne Schmitt und Sophia Baierl von CitySoundscapes
Wie klingt eine Stadt? Und wie wirkt sich ihr Klang auf unser Wohlbefinden aus? Genau hier setzt das Projekt CitySoundscapes an. Es untersucht gemeinsam mit Bürger*innen, wie Klanglandschaften in der Stadt mit Artenvielfalt und menschlichem Wohlbefinden zusammenhängen. Wir haben mit Dr. Susanne Schmitt und Sophia Baierl von der Ludwig-Maximilians-Universität München darüber gesprochen, was hinter CitySoundscapes steckt, wie wir durch bewusstes Zuhören unsere Umgebung neu verstehen können und wie eine gesunde Stadt klingen könnte.
Worum geht es bei CitySoundscapes und wer ist an dem Projekt beteiligt?
Schmitt: In Deutschland leben rund 78 Prozent der Menschen in Städten. Aber nicht nur Menschen leben dort, sondern auch unglaublich viele andere Lebewesen, deshalb sind Städte für Biodiversität extrem wichtig. Uns interessiert, wie dieser Lebensraum geteilt wird und das kann man durch Klanglandschaften – Soundscapes – unheimlich gut nachvollziehen. In der Stadtplanung ging es lange vor allem um Lärmvermeidung. Das ist wichtig, weil Lärm besonders Menschen betrifft, die wenig Ausweichmöglichkeiten haben. Aber wir fragen zusätzlich: Wie hängen Artenvielfalt, Klanglandschaften und Gesundheit zusammen? Und was können wir daraus für die Gestaltung unserer Städte lernen?
Baierl: CitySoundscapes ist ein transdisziplinäres Projekt der TU München, die mit Partner*innen aus Verwaltung, Wissenschaft, Kunst, Naturschutz und Bürgerinitiativen zusammenarbeitet. Es wird gefördert von der Forschungsinitiative zum Erhalt der Artenvielfalt (FEdA) vom BMFTR. Wir vom Lehrstuhl für Public Health und Versorgungsforschung der LMU München beschäftigen uns im Projekt mit den gesundheitlichen Aspekten von Soundscapes. Aus quantitativer Sicht sind Soundscapes für uns ein Mittel zum Zweck, um herauszufinden, wie Artenvielfalt und Gesundheit zusammenhängen. Über Vogelgesang können wir herausfinden, welche Arten an einem Ort anzutreffen sind. Gleichzeitig können wir untersuchen, wie sich verschiedene Klänge auf unser Wohlbefinden auswirken. Indirekt erforschen wir also den Zusammenhang zwischen Artenvielfalt, Wohlbefinden und Gesundheit.
Ihr arbeitet auch mit Citizen Science. Was sind eure Formate?
Schmitt: Es geht in unserem Projekt um einen Lebensraum, der alle etwas angeht. Deshalb sollen sich auch alle damit beschäftigen können. Pauline Oliveros [Anmerkung der Redaktion: US-amerikanische Komponistin] hat gesagt, Zuhören ist ein wichtiges politisches Instrument. Nur wenn wir aufmerksam sind und sensibilisiert für unsere Umgebung, können wir sie auch verstehen und gestalten. Das liegt allem zugrunde, was wir machen. Wir arbeiten in drei Reallaboren in München, die sich stark in Bebauung und Art der Grünflächen unterscheiden: Giesing, Harlaching und Neuperlach. Ein Teil des Projekts ist die App „Dawn Chorus“, mit der Menschen frühmorgens den Vogelgesang aufnehmen und die Stimmen identifizieren können. Meine Kollegin Dr. Katrin Petroschkat und ich sind das Art/Science Team von City Soundscapes. Wir machen in Kooperation mit lokalen Akteur*innen HörSalons, das sind einstündige, gemeinsam kuratierte Zuhörformate im Stadtraum. Dabei setzen wir Zuhörimpulse zu verschiedenen Themen, zu Fledermäusen und Ultraschall oder zu einem Bach und dem Geräusch von Wasser. Uns geht es darum, aufmerksam zu werden: Wer lebt eigentlich mit uns in dieser Stadt und wo höre ich das? Oder auch nicht?
Baierl: Neben den HörSalons haben wir noch das Format der Hörspaziergänge. Hier ist der Ansatz etwas analytischer. Wir wollen herausfinden, wie die Klangkulisse mit dem Wohlbefinden der Teilnehmenden zusammenhängt. Was haben die Teilnehmenden gehört? War es angenehm oder nicht? Wir wollen wissen, in welcher Klangkulisse sich Menschen wohlfühlen und ob es Muster gibt. Da kann jede*r mitmachen, total unterschiedliche Leute, Nachbar*innen, Menschen, die einfach interessiert sind oder Lust haben rauszukommen. Unsere Ergebnisse möchten wir dann auch in Veranstaltungen mit Bürger*innen diskutieren und gemeinsam prüfen, inwiefern sie ihre Erfahrungen widerspiegeln.
Schmitt: Spannend ist, dass man im Außenraum sichtbar ist und auch auffällt. Schweigende Menschen, die bewusst zuhören, sorgen in der Stadt für interessante Irritationen. Das ist nichts verkopftes an der Uni, sondern man ist draußen und schafft Aufmerksamkeit fürs Zuhören – eine Art Intervention im Stadtraum.
Gibt es „gute“ und „schlechte“ Klänge?
Baierl: Wir sprechen eher von Klängen, die mehr oder weniger gut für das Wohlbefinden sind. Das kann natürlich individuell sein: Manche Teilnehmenden empfinden ein Flugzeug als störend, andere als interessant. Uns interessiert, ob es Muster gibt, also Klänge, die den meisten Menschen guttun, die man fördern könnte. Und ob das vielleicht etwas mit Biodiversität zu tun hat. Dafür beantworten unsere Teilnehmenden während der Hörspaziergänge einen Fragebogen. Da wird gefragt: Was haben Sie gehört? Wie klang das? War das angenehm? War das stressig? War das unangenehm?
Schmitt: Bei unseren HörSalons geht es mehr darum wahrzunehmen und zu fragen: Welche Geschichten verbergen sich hinter dem Gehörten? Welche Beziehungen bilden sich hier im Klang ab? Wir möchten Neugierde vermitteln. Wir bekommen zum Beispiel Feedback von Menschen, denen erstmals der krasse Verkehrslärm bewusst geworden ist oder die das erste Mal wirklich Tiere sehen. Nicht, weil sie sonst nicht da sind, sondern weil sie einfach aufmerksam geworden sind, fokussiert auf ihre Umwelt. Geräusche müssen nicht immer positiv oder negativ sein.
Welche Rolle spielt künstliche Intelligenz in eurer Arbeit?
Schmitt: City Soundscapes arbeitet mit großen Datenmengen aus Vogelstimmenaufnahmen. Da muss vor allem ausgewertet werden, welche Arten gesungen haben. Dafür nutzen wir das KI-gestützte Analysetool BirdNET. KI hat immens viel erleichtert für die Biodiversitätsforschung. Und auch für Citizen Science ist es toll, weil man mit KI-gestützten Apps Vogelstimmen lernen oder auch live verfolgen kann, welcher Vogel gerade singt und so die eigene Artenkenntnis verbessert.
Welche Herausforderungen begegnen euch im Projekt und wie versucht ihr, sie zu überwinden?
Baierl: Wir möchten 500 Personen für unsere Hörspaziergänge gewinnen. Auf diese Zahl zu kommen und genug Aufmerksamkeit zu kriegen, ist nicht ganz leicht. Bei den Hörspaziergängen sind wir eine bis anderthalb Stunden draußen. Das ist nicht für jede*n was und passt nicht immer in den Alltag. Das versuchen wir zu lösen, indem wir verschiedene Termine und Zeiten anbieten.
Schmitt: Für uns war es herausfordernd, dass wir in drei Sozialräumen Münchens sind, bei denen nicht direkt sicher war, dass da Menschen sein werden, mit denen wir zusammenarbeiten können. Da hat uns total geholfen, dass die Stadtteilläden uns so toll unterstützt haben. Ein anderer Punkt ist, dass wir die ethnografische, künstlerische und naturwissenschaftliche Forschung gleichzeitig angefangen haben. Zu Beginn weiß noch niemand genau, was die anderen herausfinden werden und welche Inhalte wir verarbeiten können. Das ist vor allem am Anfang nicht einfach.
Was waren besondere Erfolgsmomente für euch?
Baierl: Für mich ist es die interdisziplinäre Zusammenarbeit, die das Projekt so schön und lehrreich macht. Zu sehen, wie andere Disziplinen arbeiten, welche Perspektiven sich dadurch eröffnen und wie wir alle zusammengewachsen sind.
Schmitt: Das finde ich auch! Die Beziehung macht es aus. Ich bin dankbar für diesen „Schnellkurs in Stadtökologie“. Mir war immer klar, dass es neben der Stadt der Menschen viele andere Städte gibt – in der Dämmerung, im Morgengrauen, bei den Grillen und Heuschrecken. Aber das jetzt durch Biomonitoring oder Kartierungen erforschen und rüberbringen zu können, ist ein Privileg.
Wie klingt eure perfekte Stadt?
Baierl: Ich finde Vogelgesang einfach schön und persönlich mag ich auch total den Klang von Tauben. Wie eine Stadt generell klingen sollte: Für die Gesundheit wären wenig Verkehrslärm und dafür mehr naturbezogenen Klänge gut. Aber eine Stadt darf auch lebendig sein. Menschen dürfen laut sein, es darf auch Veranstaltungen geben. Der Fokus sollte nicht nur auf Lärmvermeidung liegen.
Schmitt: Ich liebe die Vielschichtigkeit. Wenn man an der Isar entlanggeht, Hunde bellen, Vögel singen, das Wasser plätschert, in der Ferne die Kirchenglocken läuten und man die Tiere im Zoo hört. In dieser Komplexität gibt es das nur in der Stadt. Wenn man mit offenen Ohren durch die Stadt geht, merkt man, dass wir nur Tiere unter anderen sind.
Worauf freut ihr euch noch?
Baierl: Ich freue mich auf die Auswertung der Daten und darauf, die Ergebnisse mit den Bürger*innen zu diskutieren und bekannte Gesichter wiederzutreffen. Mich interessiert total, ob meine eigene Wahrnehmung mit der der anderen übereinstimmt oder nicht.
Schmitt: Ich freue mich auf die kommenden Hörsalons, auf ein Festival, das wir gemeinsam organisieren und auf ein Audio-Paper, in dem wir unsere Forschung auch klanglich erzählen wollen.