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Partizipation stärken: Über das „am Ball bleiben“ mit Thomas Abel

Foto: Sören Pinsdorf / LUH

Thomas Abel ist Referent für Wissenschaftskommunikation im Science Communication LAB der Leibniz Universität Hannover (LUH). Im Interview sprechen wir über seine Arbeit und die institutionelle Verankerung von Partizipation. Dabei lernen wir die Angebote des Labs, das universitätsinterne Netzwerk für Citizen Science und den Citizen-Science-Tag kennen.

Warum lohnt es sich deiner Meinung nach, Partizipation in der Wissenschaft zu fördern?

Thomas: Es gibt diese große Debatte darüber, wo wir als Wissenschaft in Hinblick auf die Gesellschaft stehen. Um aus dem Elfenbeinturm herauszukommen, können wir im Sinne der Wissenschaftskommunikation transparent machen, was wir tun und wie wir Erkenntnisse gewinnen. Aber wir können auch einen Schritt weiter gehen und Bürger*innen einladen, mitzumachen. In manchen Fällen geht es auch gar nicht ohne ihre Expertise. Wir haben so viele Ressourcen und so viele Qualitäten in der Gesellschaft und können letztlich besser Wissenschaft betreiben, wenn wir partizipativ forschen.

Du arbeitest im Leibniz Science Communication Lab. Was können wir uns darunter vorstellen?

Thomas: Das Lab wurde 2019 gegründet und hat vier Arbeitsfelder. Die Wissenschaftskommunikation betrachten wir dabei multiperspektivisch und das Verhältnis zwischen Kommunikation und Partizipation in der Wissenschaft als fließend. Im ersten Feld bilden wir Forschende zu Wissenschaftskommunikator*innen weiter oder beraten sie hierzu. Wir bieten zum Beispiel Medientrainings und Workshops zu Social Media und Präsentationen an. Im zweiten und dritten Feld geht es um Dialogformate. Dabei nutzen wir zum einen bereits etablierte Formate, zum anderen testen und evaluieren wir auch immer wieder neue. Das vierte Feld ist Citizen Science, in dem es nicht um das Senden, sondern um die Ko-Kreation von Wissenschaft geht. Es geht um Partizipation an Wissenschaft, die aber auch auf die Wissenschaftskommunikation mit einzahlt. Im Lab ergeben sich über die Felder hinweg viele Synergieeffekte. Beispielsweise könnte eine Person, die den Workshop zum Medientraining besucht hat, ihre neuen Kompetenzen nicht nur für einen tollen Vortrag nutzen, sondern dadurch auch besser eine gemeinsame Sprache mit Bürger*innen finden, die zu einem partizipativen Forschungsprojekt eingeladen werden sollen.

Welche Funktionen hast du in der Einrichtung und wie sieht ein typischer Arbeitstag von dir aus?

Thomas: Ich kümmere mich um unsere Angebote im Leibniz Science Communication Lab in allen vier Bereichen. Das heißt, ich organisiere Workshops, versuche Trainer*innen zu finden, kümmere mich um Abendveranstaltungen oder Ausstellungen – es ist sozusagen alles dabei, von der Idee über die Konzeption bis zur Umsetzung. Im Bereich Citizen Science habe ich ungefähr im Blick, wer an der Uni etwas dazu macht. Manchmal gehe ich proaktiv auf Forschende zu und erkundige mich nach ihren Ansätzen, wenn ich der Meinung bin, dass sie mit ihrem Forschungsprojekt unsere Sammlung gut ergänzen könnten. Ich habe noch zwei Kolleg*innen im Bereich Wissenschaftskommunikation, die sich mit mir um unsere Projekte kümmern. Für unsere Veranstaltungen arbeiten wir direkt mit dem Präsidium zusammen.

Bei dir läuft also vieles zusammen und du bringst die Partizipation proaktiv voran. Ist es denn auch so, dass Forschende für einen Rat bei dir anklopfen?

Thomas: Das passiert eher selten. Wir gehen aber auf die Leute zu und erklären, warum ihre Aktivitäten im Bereich Bürgerbeteiligung, Partizipation oder Ko-Kreation spannend für uns sind. Wir laden sie zur Zusammenarbeit und zur Präsentation auf unserer Website ein, auf der wir eine Übersicht zu laufenden Projekten eingestellt haben. Wir nutzen einen weichen Citizen-Science-Begriff für alles, was Partizipation und Teilhabe von Gesellschaft an Wissenschaft ermöglicht. Bei uns gibt es nicht nur klassische Citizen-Science-Projekte, sondern uns interessiert alles, was die Beteiligung von Bürger*innen oder die Auseinandersetzung mit ihnen auf Augenhöhe betrifft. Wir sind sehr einladend unterwegs, aber ich würde mir auch wünschen, dass mehr Leute von sich aus das Gespräch suchen würden.

Was benötigen Menschen in einer Multiplikator*innen-Rolle wie deiner optimalerweise für ihre Arbeit?

Thomas: Ich habe jetzt gerade so ein Bild vor Augen vom Fußball. Es geht immer darum, den Ball anzunehmen und weiterzuspielen oder – bezogen auf Citizen Science und Partizipation – dauerhaft am Ball zu bleiben und diese Ansätze mitzudenken. Ich schnappe etwas auf oder treffe jemanden Interessantes, recherchiere nach und prüfe, ob wir etwas daraus machen können. Das Wichtigste ist, dass man nicht stillsteht und das Thema Partizipation immer wieder einbringt. Manchmal bedeutet das vielleicht auch ein bisschen zu nerven, anzutreiben. Als Multiplikator muss ich immer wieder neu justieren und gucken, wo wir als LUH stehen und wo wir hinwollen. Wie kann das Verhältnis von Wissenschaft und Gesellschaft vertrauensvoll gestaltet werden, gedeihen und sich verfestigen? Wir sind eine Wissensgesellschaft und können die großen Herausforderungen nur gemeinsam bewältigen. Ich bin mit anderen dafür verantwortlich, das Thema Partizipation an unserer Uni hochzuhalten und mit Leben zu füllen.

Das Lab ist im Referat Kommunikation und Marketing angesiedelt. Wie sieht die weitere institutionelle Verankerung von Themen der Wissenschaftskommunikation und Partizipation an der LUH aus?

Thomas: An anderen Hochschulen sind die Themen Partizipation und Co-Kreation von Wissen manchmal im Bereich Forschung oder Transfer angesiedelt, aber auch wir in der Kommunikation können sie sinnvoll bewegen und daraus gute Formate ableiten. Durch die zentrale Verankerung nah am Präsidium können wir wirksam werden. Für die Umsetzung unserer Projekte braucht es dann das ganze Know-how unseres Referats – von der Presse- und Öffentlichkeitsarbeit über die Webredaktion bis zur Grafik. Darüber hinaus arbeiten wir mit anderen Einrichtungen der LUH zusammen, die ihre inhaltlichen Expertisen zum Thema einbringen. Wir haben uns zu einem Citizen-Science-Netzwerk zusammengeschlossen. Auch diese breite Verankerung innerhalb der Uni ist wichtig.

Wer ist im Netzwerk dabei, wie kam es zum Zusammenschluss und wie gestaltet ihr eure Arbeit?

Thomas: Das Netzwerk besteht aus Vertreter*innen des Arbeitsbereichs Lehr- und Lernforschung in innovativen, außerschulischen Lern- und Entwicklungsräumen, aus dem Leibniz Forschungszentrum Wissenschaft und Gesellschaft (LCSS), aus dem Open Science Lab der Technischen Informationsbibliothek (TIB), aus der Zentralen Einrichtung für Weiterbildung (ZEW) und unserem Referat. Das Netzwerk bereichert die Arbeit des Labs insofern, als dass wir beispielsweise Vorschläge für Formate machen und die anderen uns dann Feedback und Input geben. Es ist gut, im Austausch zu sein und Fürsprecher*innen für das Thema Citizen Science an unterschiedlichen Stellen zu haben, die auch auf Leute in ihren jeweiligen Einrichtungen und Netzwerken zugehen können. Je nach Thema und Format brauchen wir unterschiedliche fachliche Expertisen. Die Aufgaben in der Gruppe aufzuteilen, entlastet an vielen Stellen. Als Gruppe aufzutreten zu können, ist sowieso ein großer Vorteil. Wir haben regelmäßig Treffen, in denen wir gemeinsam nachdenken und Dinge besprechen, die zu organisieren sind. Die operative Arbeit liegt dann meist bei uns im Lab.

Als Netzwerk habt ihr bereits mehrere Citizen-Science-Veranstaltungen organisiert. Wie sieht das Programm aus und für wen ist er gedacht?

Thomas: Als Referat haben wir bisher zwei größere Veranstaltungen ausgerichtet. Präsidiumsmitglieder sind dann in Form von Grußworten oder für eine Podiumsdiskussion eingebunden. Bei unserem ersten Event zu Citizen Science 2022 ging darum, auszuloten, wo wir als LUH stehen. Dazu haben wir uns als Gastvortrag Expertise und Input geholt von Prof. Johannes Vogel, dem Generaldirektor des Museums für Naturkunde Berlin. Der hat eine flammende Rede gehalten, dass von Citizen Science Bürger*innen und Wissenschaft gleichermaßen profitieren und uns bestärkt, unseren Weg weiter zu gehen. Außerdem haben wir geschaut, was andere Universitäten in dem Bereich bereits tun. Es war ein buntes Abendprogramm mit einer Podiumsdiskussion und einem kleinen Marktplatz, auf dem sich Forschungsprojekte der LUH vorgestellt haben, die auf Partizipation und Teilhabe setzen. Ihr von mit:forschen! wart freundlicherweise auch mit dabei. Das war wichtig, um die Idee in einen größeren Kontext zu stellen und zu zeigen, dass es auch die nationale Plattform gibt und das letztlich auch Teil einer Bildungspolitik ist.

Im letzten Jahr fand dann das zweite größere Citizen-Science Event bei uns an der Uni statt, bei dem wir auch wieder von euch von mit:forschen! unterstützt wurden. Außerdem gab es wieder allgemeine Informationsangebote und Projektvorstellungen für Bürger*innen auf einem Marktplatz, aber wir haben auch zwei weitere Zielgruppen ausgemacht. Zum einen kam von unserem Netzwerkpartner Till Bruckermann die Idee, eine Fortbildung für Lehrkräfte zu integrieren, um die Möglichkeiten vorzustellen, Citizen Science an Schulen einzubinden. Zum anderen haben wir Wissenschaftler*innen der LUH eingeladen, um ihnen zu zeigen, was partizipative Forschung bringt und wie es in diesem Bereich mit Förderung oder Anerkennung aussieht. Wir haben hierzu einen Workshop angeboten. Mit dabei waren auch die VolkswagenStiftung und unser Niedersächsisches Ministerium für Wissenschaft und Kultur.

Habt ihr bereits Pläne für die nächste Ausgabe?

Thomas: Ja! Im Mai 2027 machen wir wieder eine Veranstaltung – diesmal allerdings an einem Samstag, damit es sich die Bürger*innen besser einrichten können, und nicht an der Universität, sondern ganz zentral im Stadtzentrum. Kulturzentrum Pavillon heißt der Austragungsort, an dem es regelmäßig öffentliche Veranstaltungen gibt und wir erhoffen uns, von diesem Ort und seiner besonderen Ausstrahlung zu profitieren. Es soll ein Forschungs- und Mitmach-Tag werden. Unser derzeitiger Arbeitstitel ist „Partizipationstag der LUH“ und die Neuerung ist eben, dass wir die Forschung und Beteiligungsmöglichkeiten dieses Mal in die Stadt bringen.

Gibt es etwas, das du Wissenschaftler*innen mit auf den Weg geben möchtest, die sich für partizipative Forschung interessieren?

Thomas: Ja, ich würde gerne dafür werben, sich zu trauen und diesen Weg zu gehen. Partizipation bringt uns allen etwas und ist mehr als ein Lippenbekenntnis. Prof. Dr. Stefan Böschen von der RWTH Aachen hat letztes Jahr bei uns einen Vortrag darüber gehalten, dass eigentlich jede und jeder Expert*in auf einem bestimmten Gebiet ist. Wir würden uns sehr viel Wissen vorenthalten, wenn wir nur bei klassischen Forschungsdesigns blieben. Wir brauchen Bürger*innen, die sich aktiv an Wissenschaft beteiligen und die haben wir auch. Deswegen: Go for it!

Leonie Malchow

Leonie ist über die Welt der Engagement- und Demokratieförderung bei der Citizen Science gelandet. Im Team ist sie für Projektmanagement und Kommunikation zuständig.