Partizipation stärken: Über die AG Multiplikator*innen mit Julia Brandt und Julia Stiebritz-Banischewski
Seit rund zwei Jahren vernetzen sich in der AG Multiplikator*innen engagierte Menschen, die sich an ihren Institutionen und darüber hinaus für Citizen Science und Partizipation in der Wissenschaft einsetzen. Wir haben mit den Sprecherinnen der AG, Julia Brandt (HTW Berlin) und Julia Stiebritz-Banischewski (Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf), über die strukturelle Verankerung partizipativer Forschung an Hochschulen und außeruniversitären Forschungseinrichtungen, die Arbeit der AG und die Bedarfe von Multiplikator*innen gesprochen.
Ihr beide macht euch an euren Institutionen für Citizen Science und Partizipation in der Wissenschaft stark. Wie seid ihr zu dem Thema gekommen?
Julia Stiebritz-Banischewski: Ich bin durch meine Arbeit in der Förderberatung erstmals mit Citizen Science in Berührung gekommen und das Thema hat mich direkt begeistert. Aus meiner Sicht hat partizipative Forschung ein großes Potenzial: Sie ermöglicht nicht nur Ergebnisse, die ohne diese Form der Zusammenarbeit von Wissenschaft und Gesellschaft kaum erreichbar wären, sondern kann auch dazu beitragen, Wissen und Wissenschaft stärker zu demokratisieren. Deshalb setze ich mich an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf als Teil des Teams der Stabsstelle Bürgeruniversität dafür ein, den Dialog zwischen Wissenschaft und Gesellschaft durch partizipative Forschung weiter auszubauen.
Julia Brandt: Für mich waren es eigentlich zwei prägende Momente, die mein Interesse an Citizen Science und Partizipation in der Wissenschaft geweckt haben.Der erste liegt in meinem ehrenamtlichen Engagement beim Verein „Aktives Museum Faschismus und Widerstand in Berlin e.V.“. Dort habe ich unter anderem an einer Ausstellung zu Entschädigungen und Rückerstattungen für NS-Verfolgte mitgearbeitet, für die wir Biografien recherchiert haben. Dieses gemeinsame Forschen schafft aus meiner Sicht nicht nur Wissen, sondern auch echte Teilhabe: Es ermöglicht Menschen, sich in wissenschaftliche Prozesse einzubringen – jenseits des eigentlichen Berufs oder auch jenseits von beruflichem Leistungsdruck. Diese Erfahrung kann sehr empowernd sein.
Der zweite Moment ergab sich, als ich in meiner beruflichen Tätigkeit an der HTW Berlin an einem Projekt zur Entwicklung einer EU-Strategie für die Hochschule mitgearbeitet habe und erstmals intensiver mit den Open-Science-Ansätzen der Europäischen Kommission in Berührung gekommen bin. Da wurde mir bewusst, dass Partizipation und Offenheit nicht nur ein gesellschaftliches Anliegen sind, sondern auch zunehmend strukturell in der Wissenschaft verankert werden. Genau an dieser Schnittstelle arbeite ich heute besonders gern.
Du bist an der HTW Berlin als stellvertretende Referatsleitung des Forschenden-Service Centers tätig. Welche Rolle spielen Fragen zu partizipativer Forschung in deinem Beratungsalltag dort?
Julia Brandt: Um ehrlich zu sein, kommt es bislang noch nicht sehr häufig vor, dass Forschende explizit mit der Bitte um Beratung zu partizipativer Forschung auf mich zukommen. In vielen Fällen ist das Thema eher durch die jeweilige Ausschreibung getrieben. Letztes Jahr gab es zum Beispiel eine Förderbekanntmachung des Bundesministeriums für Forschung, Technologie und Raumfahrt zum immateriellen Kulturerbe, in der die Partizipation der Zivilgesellschaft ausdrücklich gefordert wurde. In diesem Kontext habe ich Forschende dabei unterstützt, passende partizipative Konzepte für ihre Projekte zu entwickeln. Dabei ging es darum, wie Beteiligungsformate sinnvoll gestaltet werden können, wie man relevante zivilgesellschaftliche Akteure erreicht und einbindet und wie sich diese Ansätze überzeugend im Antrag darstellen lassen. Solche Anlässe sind oft ein Einstieg in das Thema: Partizipation wird zunächst als Anforderung von außen wahrgenommen, eröffnet dann aber neue Perspektiven darauf, wie Forschung anders gedacht und gestaltet werden kann.
Neben der Beratung von Forschenden liegt dein Arbeitsschwerpunkt auf der Entwicklung strategischer Maßnahmen für Partizipation in der Wissenschaft. Welche Maßnahmen konntest du bereits anstoßen oder umsetzen?
Julia Brandt: Ein wichtiger Schritt war die Gründung der Interessensgemeinschaft Open Science an der HTW Berlin im Jahr 2023, gemeinsam mit engagierten Kolleg*innen aus unterschiedlichen Bereichen der Hochschule, die das Thema aktiv vorantreiben wollen. Von der Hochschulleitung werden unsere Anliegen auch unterstützt, was sich zum Beispiel in der Forschungsstrategie wiederfindet. Zu Beginn haben wir ein gemeinsames Positionspapier erarbeitet, um eine inhaltliche Grundlage und gemeinsame Zielrichtung zu definieren. Darauf aufbauend konnten wir erste sichtbare Maßnahmen umsetzen: So war beispielsweise für zwei Wochen der Container des CityLab Berlin bei uns am Campus zu Gast, den wir für Veranstaltungen rund um Open Science und Citizen Science genutzt haben. Außerdem ist ganz aktuell eine Webseite zu Open Science an der HTW Berlin online gegangen, auf der wir unter anderem „Ambassadors” vorstellen, die zu verschiedenen Aspekten von Open Science ansprechbar sind.
Eine zentrale Herausforderung besteht allerdings darin, Forschende stärker für das Thema zu gewinnen. In der Interessensgemeinschaft sind bislang vor allem Personen aus den unterstützenden Bereichen sowie aus der Bibliothek aktiv. Im Arbeitsalltag vieler Forschender ist es aufgrund hoher Lehrbelastung und begrenzter zeitlicher Ressourcen schwierig, sich zusätzlich mit Open-Science-Themen auseinanderzusetzen. Hier langfristig mehr Beteiligung und Sichtbarkeit zu erreichen, ist eine unserer zentralen Aufgaben.
Julia, du arbeitest als Referentin für partizipative Forschung und Dialog mit der Gesellschaft in der Stabsstelle Bürgeruniversität der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf. Wie ist partizipative Forschung an der HHU institutionalisiert?
Julia Stiebritz-Banischewski: Die Heinrich-Heine-Universität fördert partizipative Forschung im Rahmen ihrer Strategie der „Bürgeruniversität". Als Bürgeruniversität setzt sie sich aktiv für den Austausch zwischen Wissenschaft und Gesellschaft ein. Die Umsetzung und Verantwortung dieses Konzepts liegt bei unserer Stabsstelle.
Mit welchen Angeboten unterstützt ihr als Stabsstelle interessierte Forschende?
Julia Stiebritz-Banischewski: Um den Dialog mit der Gesellschaft auch innerhalb von Forschungsprojekten zu stärken, haben wir spezielle Förder- und Unterstützungsstrukturen aufgebaut. Hierfür bin ich innerhalb des Teams verantwortlich. Ein zentraler Teil der Institutionalisierung von partizipativer Forschung an der HHU ist zum einen das interne Förderprogramm „Bürgeruniversität in der Forschung", über das Projekte finanziert werden. Darüber hinaus bieten wir den HHU-Forschenden ein umfassendes Serviceangebot mit Informationen, Beratung und Fortbildungen rund um partizipative Forschung. Und auch im Rahmen unseres öffentlichen Programms gibt es regelmäßig Veranstaltungen aus dem Bereich partizipative Forschung. Das Angebot wird bei uns tatsächlich sehr gut angenommen. Viele Forschende berichten, dass die Ausrichtung der HHU als Bürgeruniversität und auch unser Förder- und Serviceangebot sie dazu motivieren, die Gesellschaft stärker in ihre Projekte einzubinden – mit dem Ergebnis, dass beide Seiten profitieren und dabei teils außergewöhnliche Erfahrungen entstehen.
2024 habt ihr die AG-Multiplikator*innen mitgegründet, seitdem seid ihr als ihre Sprecherinnen im Netzwerk von mit:forschen! aktiv. Welche Ziele verfolgt die AG Multiplikator*innen und warum ist diese Arbeit wichtig?
Julia Brandt: Die AG Multiplikator*innen verfolgt derzeit im Kern zwei zentrale Ziele: Zum einen die Vernetzung und Stärkung von Citizen Science an verschiedenen wissenschaftlichen Institutionen. Aktuell ist es an vielen Einrichtungen noch gar nicht so selbstverständlich, passende Ansprechpersonen oder gewachsene Strukturen im Bereich Citizen Science zu haben. Oft fehlen dafür Stellen und ausreichende Ressourcen. Umso wertvoller ist es, sich über die eigene Institution hinaus mit Gleichgesinnten auszutauschen, Erfahrungen zu teilen und voneinander zu lernen.
Ein zweiter wichtiger Aspekt unserer Arbeit ist die strategische Perspektive: Wir beschäftigen uns mit der Frage, wie sich Citizen Science auch unter begrenzten Rahmenbedingungen stärker an Hochschulen verankern lässt. Dabei geht es zum Beispiel darum, Unterstützungsstrukturen aufzubauen oder geeignete Formate zu identifizieren, die sich in den Hochschulalltag integrieren lassen. Der Austausch in der AG hilft uns, erfolgreiche Ansätze sichtbar zu machen und gemeinsam weiterzuentwickeln.
Die Arbeit in der AG Multiplikator*innen ist für mich vor allem deshalb so wichtig, weil sie zeigt, dass wir mit unseren Herausforderungen nicht allein sind und uns gegenseitig inspirieren und unterstützen können. Der Austausch ist sehr kollegial, offen und unterstützend und genau daraus entstehen oft die besten Ideen.
Aus welchen Bereichen kommen die Menschen, die sich in der AG engagieren?
Julia Stiebritz-Banischewski: Unsere AG-Mitglieder sind entweder an Universitäten, Hochschulen oder an Forschungseinrichtungen in unterschiedlichen Bereichen als Multiplikator*innen für Citizen Science tätig. Viele arbeiten beispielsweise in der Forschungsförderung oder im Transfer, aber auch andere Bereiche des Wissenschaftsmanagements wie Bildungsinnovation oder Wissenschaftskommunikation sind mit dabei. Einige Mitglieder kommen auch direkt aus der partizipativen Forschung oder aus Science Shops und engagieren sich dort als Multiplikator*innen.
Wie können Interessierte mitmachen?
Julia Brandt: Wer Lust hat, in der AG mitzuwirken und zur Stärkung von Citizen Science an wissenschaftlichen Institutionen auf dem Laufenden zu bleiben, kann sich sehr gerne per Mail bei mir (julia.brandt[at]htw-berlin.de) melden. Neue Mitglieder sind bei uns jederzeit herzlich willkommen! Viele Mitglieder sind bisher über mit:forschen! oder andere Mitglieder auf uns aufmerksam geworden. Teilweise haben wir uns aber auch im Rahmen von Tagungen kennengelernt. Dieses Jahr werden wir zum Beispiel versuchen, mit Beiträgen auf der PartWiss präsent zu sein. Und ganz wichtig ist noch das partX-Fortbildungsformat von mit:forschen!: Das richtet sich ja speziell an Multiplikator*innen und wir hoffen, aus dem Kreis noch neue Mitstreiter*innen für die AG zu gewinnen.
Ein Ergebnis eurer AG-Arbeit ist die Handreichung „Citizen Science an Universitäten, Hochschulen und Forschungseinrichtungen", die im Dezember 2025 veröffentlicht wurde. Was sind die zentralen Inhalte und wie kann man die Handreichung nutzen?
Julia Stiebritz-Banischewski: Weil das Interesse an Citizen Science immer größer wird, brauchen wissenschaftliche Einrichtungen auch mehr Informationen, Beratung und strukturelle Unterstützung, vor allem für Forschende, die solche Projekte starten möchten. Genau hier setzt unsere Handreichung an, die sich vor allem an Personen richtet, die als Multiplikator*innen für Citizen Science tätig sind. Die Handreichung enthält kompakte Informationen und eine strukturierte, kommentierte Sammlung nützlicher Ressourcen (Leitfäden, Websites, Toolboxen etc.), etwa zu Fördermöglichkeiten, Schulungen, Kommunikation, Vernetzung oder Evaluation. Damit kann sie zusätzlich auch Forschenden als erste Orientierung dienen, insbesondere an wissenschaftlichen Einrichtungen, wo es noch keine passenden Unterstützungsangebote gibt.
Im vergangenen Jahr habt ihr an der Konzeption unserer Fortbildungsreihe partX mitgewirkt, die sich an Multiplikator*innen für partizipative Forschung richtet. Welche Bedarfe nehmt ihr bei der Zielgruppe wahr und wie greift partX diese auf?
Julia Stiebritz-Banischewski: Ich würde sagen, dass die Zielgruppe derzeit vor allem drei zentrale Bedürfnisse hat: kompakt aufbereitete Informationen, Vernetzung und finanzielle Förderung. All diese Aspekte werden von partX abgedeckt: Die Fortbildungsreihe vermittelt in vier Fortbildungsmodulen Wissen und Werkzeuge und vernetzt dabei die Teilnehmenden untereinander. Außerdem erhalten sie eine finanzielle Unterstützung für die Umsetzung eigener Ideen zur Stärkung partizipativer Forschung an ihren Institutionen.
Welchen Rat würdet ihr Menschen geben, die partizipative Forschung an ihrer Einrichtung stärken möchten?
Julia Stiebritz-Banischewski: Es gibt viele Wege, um partizipative Forschung institutionell zu stärken und zu verankern. Das reicht von strategischen Ansätzen über Beratungs- und Unterstützungsangebote bis hin zu gezielten Fördermöglichkeiten. Was gut funktioniert, hängt oft nicht zuletzt vom Standort ab. Besonders hilfreich ist dabei aber in vielen Fällen ein klares, offizielles Bekenntnis der jeweiligen Einrichtung zur partizipativen Forschung.
Julia Brandt: Mein wichtigster Rat wäre: Gleichgesinnte suchen und sich vernetzen. Partizipative Forschung lässt sich an einer Einrichtung deutlich leichter voranbringen, wenn man nicht allein ist, sondern gemeinsam mit anderen engagierten Personen daran arbeitet. Der Austausch – sowohl innerhalb der eigenen Institution als auch darüber hinaus – ist dabei für mich zentral. Oft stehen andere vor ähnlichen Herausforderungen, und durch Gespräche entstehen nicht nur neue Ideen, sondern auch ganz praktische Lösungen. Netzwerke bieten zudem die Möglichkeit, Erfahrungen zu teilen, voneinander zu lernen und sich gegenseitig zu bestärken.