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Partizipation stärken: Über die „PartWiss26-Spotlights“ mit Nadin Gaasch und Sorka Tzschabran

Foto: courtney k von Getty Images Signatures

Nadin Gaasch und Sorka Tzschabran sind Referentinnen für transdisziplinäre Forschung im TD-Lab der Berlin University Alliance. Für einen internationalen Blick auf die Stärkung von Partizipation in der Wissenschaft haben wir sie gebeten, uns ihr neues Programm „PartWiss26-Spotlights” vorzustellen.

Als Referentinnen im Labor für transdisziplinäre Forschung (TD-Lab) der Berlin University Alliance stärkt ihr partizipative und transdisziplinäre Forschung. Was motiviert euch persönlich dazu?

Sorka: Während meines gesamten Werdegangs bin ich viel umgezogen, in andere Orte und Länder. Dabei hat es mich immer inspiriert, an jedem dieser neuen Orte eine Struktur wissender Personen und Organisationen kennenzulernen, die mich einlud, mich einzubringen. Teilhabe bedeutet für mich also, anzukommen. Studiert habe ich Nachhaltigkeitswissenschaften, Humangeographie und Politikwissenschaft. Diese Forschungsbereiche stellen Themen wie Gerechtigkeit, Menschenrechte, und eine nachhaltige Zukunft für alle in den Fokus. Für mich ergibt sich daraus unmittelbar die Notwendigkeit für transdisziplinäre Zusammenarbeit. Wie können wir unser Wissen integrieren und Menschen ermöglichen, die Zukunft ein Stück weit selbst in die Hand nehmen? Welche Möglichkeiten haben wir, mit dem eigenen Wirken auf ein höheres Ziel in Forschung und Politik einzuzahlen? 

Nadin: Ich habe gestern einen sehr schönen Satz beim Sommerfest des Netzwerks Wissenschaftsmanagement gehört. Dort ging es um die Resilienz von wissenschaftlichen Einrichtungen und es wurde gesagt, dass die Unabhängigkeit der Forschung nicht gleich die Unabhängigkeit von der Gesellschaft bedeute. Ich finde, dass Wissenschaft Teil der Gesellschaft ist und sich nicht erhöhen oder separieren sollte, sondern dass wir gemeinsam die gesellschaftlichen Herausforderungen angehen sollten. Ich habe Geographie, Soziologie und öffentliches Recht studiert und war eine Zeit lang in der Regionalentwicklung tätig. Dort geht es nicht ohne die Menschen im Raum. Wie sollen sich Städte, Dörfer oder Regionen entwickeln, ohne die Bedürfnisse der Bewohner*innen zu kennen? Insofern ist es auch meine große Motivation, partizipativ zu forschen und diese Art von Forschung auch zu unterstützen.

Was ist das TD-Lab und was die Berlin University Alliance (BUA)?

Nadin: Die BUA ist ein Verbund aus der Freien Universität Berlin, der Humboldt-Universität zu Berlin, der Technischen Universität Berlin und der Charité – Universitätsmedizin Berlin. Sie haben sich zusammengetan, um Kräfte zu bündeln und bestimmte Themen gemeinsam voranzubringen. Ziel ist, den Berliner Forschungsraum integrierter zu denken und somit die Forschung in Berlin zu stärken. Als eines von mehreren Themen wurde Knowledge Exchange, also Wissensaustausch, identifiziert und in einer Abteilung organisiert, zu der auch das TD-Lab gehört. Angesiedelt ist das TD-Lab bei der Stabsstelle Science and Society der TU Berlin. Wir verstehen uns als Serviceeinheit für Forschende der vier BUA-Häuser – aber auch darüber hinaus. Wer Fragen rund um transdisziplinäres und partizipatives Forschen hat, kann sich gerne an uns wenden. Wir arbeiten dabei theoriegeleitet und methodenorientiert und bilden insofern eine Schnittstelle zwischen Wissenschaftsmanagement und Forschung. 

Wie ist euer Team aufgebaut und welche Aufgaben übernehmt ihr beide jeweils?

Sorka: Momentan sind wir zu viert im Team und betreuen die verschiedenen Programme. Es gibt das Funding Program, in dem wir transdisziplinäre Forschungsphasen in Projekten fördern. Letztes Jahr lag unser Fokus auf Wasserforschung und Wasserzukunft in Berlin. In diesem Zuge luden wir die unterschiedlichsten und zentralen Akteur*innen zur Zusammenarbeit ein. Ich war maßgeblich an den On Water Dialogen beteiligt, in denen wir unsere transdisziplinären Methoden einsetzten, um die diversen Expertisen zu vernetzen und eine Community of Practice zu unterstützen. Zudem gibt es das Trainingsprogramm, über welches wir Forscher*innen befähigen, transdisziplinär und kritisch-reflektiert zu arbeiten. Unsere Aufgaben variieren also zwischen Beratung von Projekten und der Initiierung, Konzeptionalisierung bis hin zur Begleitung von Formaten. Neu ist nun das „Spotlights-Programm“, das wir gleich noch vorstellen.

Nadin: Ich arbeite zudem gerade mit einer anderen Kollegin an der Auswertung der ersten Runde des TD-Lab Funding Programm. Wir überprüfen, inwiefern ein solches Microfunding Wirkung entfaltet, wie sinnvoll diese Art der Unterstützung ist und wen sie erreicht. Wir arbeiten als Team sehr reflexiv und richten den Fokus konkret auf die Bedarfe der Forschenden, um sie bestmöglich auf den unterschiedlichen Karrierestufen zu unterstützen. Unsere Erkenntnisse münden in Werkstattberichten, in denen wir unsere Formate dokumentieren und kritisch reflektieren.

Kürzlich ist das neue Programm „SPOTLIGHTS: Strategies for the future of collaborative research worldwide” gestartet. Was beinhaltet es und für wen ist es gedacht?

Sorka: Mit der „Spotlights-Talkreihe“ werfen wir einen internationalen Blick ins Feld und schauen, welche Infrastrukturen es weltweit gibt, die ähnlich wie wir im TD-Lab arbeiten. Uns interessieren die regionalen Unterschiede oder auch Gemeinsamkeiten bezogen auf Herausforderungen und Ansätze in Funding, Governance und historischer Genese. Wie wird Transdisziplinarität verstanden, gefördert und auch initiiert? Im Juni und Juli 2026 waren insgesamt 13 Expert*innen aus neun Ländern in unserer Talkreihe zu Gast, die uns diesen Einblick in ihre jeweilige Institution ermöglichten und somit ein inspirierendes, internationales Lernfeld schufen. Alle Sessions wurden aufgezeichnet und können online nachgeschaut werden.

Nadin: Das Programm richtet sich an alle, die sich darüber Gedanken machen, wie langfristig Strukturen aufgebaut und verstetigt werden können, um partizipative und transdisziplinäre Forschung zu unterstützen: mit Methoden Know-how, Prozessberatung, konkreter Projektbegleitung aber auch mit Geld. Entsprechend sind unsere Zielgruppen partizipativ und transdisziplinär Forschende, die in ihren Einrichtungen Lobbyarbeit für mehr Sichtbarkeit von kollaborativem Forschen betreiben, aber auch das Wissenschaftsmanagement auf den ganz unterschiedlichen Ebenen. Wir schauen, welche Strukturen wo bereits vorhanden sind, was wir voneinander lernen und wie wir Strukturen zukünftig ganz neu denken können.

Wie kam es dazu, dass ihr diese internationale Perspektive einnehmt und was erhofft ihr euch davon?

Sorka: In Berlin und im deutschsprachigen Raum konnten wir bereits ein reges Netzwerk an Expert*innen für die Unterstützung transdisziplinärer Forschung aufbauen und Akteur*innen zusammenbringen, die ähnlichen Herausforderungen begegnen. Angesichts der realweltlichen und globalen Probleme, denen sich transdisziplinäre Forschung ja widmet, drängt es sich allerdings auf, eine internationale Perspektive einzunehmen. Wünschenswert wäre, unser Netzwerk um internationale Perspektiven auf die gleichen erlebten Hürden zu erweitern; mit den „Spotlight“-Speaker*innen machen wir einen Anfang.

Nadin: Die internationale Perspektive hat noch weitere Gründe. Zum einen richtet das Team der Stabsstelle Science and Society der TU Berlin in diesem Jahr die Konferenz PartWiss26 aus. Es erschien uns daher sehr passend, der größten Veranstaltung zu partizipativer Forschung im deutschsprachigen Raum eine Reihe internationaler „Spotlights“ voranzustellen. Zum anderen knüpft das Programm an unsere inhaltliche Arbeit an. Im vergangenen Jahr haben wir in der AG Institutionalisierung der Gesellschaft für partizipative und transdisziplinäre Forschung (GTPF) ein Diskussionspapier zur Institutionalisierung und Etablierung partizipativer und transdisziplinärer Forschung im Wissenschaftssystem veröffentlicht. Das war ein wichtiger Meilenstein. Gleichzeitig wurde uns dabei bewusst, dass unsere Diskussionen stark von einer wissenschaftlichen Perspektive geprägt sind und sich überwiegend auf den deutschsprachigen Raum beziehen. Deshalb wollten wir den Blick bewusst weiten und internationale Beispiele einbeziehen. Uns interessiert, wie entsprechende Strukturen in anderen kulturellen, politischen und institutionellen Kontexten aussehen. Wie werden partizipative und transdisziplinäre Ansätze dort verankert? Entstehen Kooperationen ebenfalls aus der Wissenschaft heraus oder werden sie beispielsweise von Politik, Zivilgesellschaft oder anderen gesellschaftlichen Akteuren initiiert? Wir erhoffen uns von diesem Austausch neue Impulse, Inspiration und die Möglichkeit, voneinander zu lernen.

Auckland, Goa, Kyoto – unter anderem aus diesen Orten berichten Wissenschaftler*innen in der Talkreihe, welche Rolle Partizipation in ihrer Arbeit spielt. Wie habt ihr die Standorte ausgewählt?

Sorka: Wir haben gemeinsam mit Kolleg*innen aus dem betterplace lab eine umfassende Analyse gemacht. Dabei konnten wir auf bestehenden Kontakten und Netzwerken wie jener der Global Alliance for Inter- and Transdisciplinarity (ITD Alliance) aufbauen und haben gleichzeitig eine Internetrecherche durchgeführt. Für die Zusammenstellung unserer Gästeliste war uns wichtig, nicht nur verschiedenen Kontinenten die Bühne zu geben, sondern auch zu versuchen, andere Verständnisse von Transdisziplinarität und den Einfluss historischer Entwicklungen auf das Wachsen von Strukturen kennenzulernen. Die ausgewählten „Spotlights“ spannen einen weiten Bogen an Erfahrung, wenn sie beispielsweise aus ihrem Hintergrund in indigenem Wissen, über die Tradition politischer und finanzieller Unterstützung oder die Verankerung in Communities of Practice teilen. Diese unterschiedlichen Verständnisse von partizipativer und transdisziplinärer Forschung für sich „scheinen“ zu lassen, das war unser Anliegen.

Nadin: Genau, wichtig ist uns, dass wir die einzelnen Strukturen zunächst für sich stehen lassen. Wir möchten Gemeinsamkeiten und Unterschiede sichtbar machen, ohne diese zu bewerten oder gegeneinander abzuwägen. Stattdessen interessiert uns, welche Faktoren dazu beitragen, dass partizipative und transdisziplinäre Strukturen in unterschiedlichen Kontexten langfristig bestehen und sich weiterentwickeln können, und welche Impulse sich daraus für die Weiterentwicklung unserer eigenen Strukturen ergeben. Die Erkenntnisse aus der Studie und der Talkreihe planen wir bis zur Konferenz PartWiss 26 zu veröffentlichen – dies in Form kompakter Steckbriefe zu den internationalen Beispielen. Darüber hinaus hoffen wir, die neue geknüpften Kontakte zu nutzen, um ein internationales Netzwerk zum Thema Institutionalisierung kollaborativer Forschung aufzubauen.

Wenn ihr auf die ersten drei Termine der Talkreihe zurückblickt, was ist euch dann in besonderer Erinnerung geblieben?

Sorka: Aus allen Talks nehme ich einen Aha-Moment und inspirierende Sichtweisen mit. Das Gespräch mit Michael O'Rourke aus Michigan von der Toolbox Dialogue Initiative war für mich eine Erinnerung daran, dass es so einfach sein kann: Dialog als Mittel zur Verständigung. Am meisten berührt hat mich die Session mit Penny Hagen & Eruini Hawke vom Auckland Co-Design Lab. Da durften wir einen Blick gewinnen in eine aus der indigenen Maori-Community heraus gedachten Institutionalisierung der Zusammenarbeit des öffentlichen Sektors mit Communities vor Ort und den Regierungsorganen in Auckland und Neuseeland. Von Ulli Vilsmaier nehme ich über das Responsive Research Collective mit, dass der Anspruch zu begleiten und zuzuhören ein fundamentaler Teil einer interkulturellen Vernetzung und Zusammenarbeit ist. Diese bisherigen Einblicke schließen stark an mein persönliches, intrinsisches Motiv für meine transdisziplinäre Arbeit an und erinnern daran, wie Beteiligung der Hebel sein kann, um auf struktureller Ebene an einer gerechten, gemeinsamen Zukunft mitzuwirken.

Nadin: Mir ist aufgefallen, dass die Strukturen, die vorgestellt worden sind – ob sie 5 oder 25 Jahre alt sind – immer vom persönlichen Engagement Einzelner abhängig sind. Sie langfristig zu sichern, stellt alle vor große Herausforderungen. Ein wiederkehrendes Thema in den Gesprächen war die aus Sicht der Gäste problematische Hierarchisierung von Wissen – also die Annahme, dass wissenschaftliches Wissen mehr Wert sei, als andere Formen von Wissen. Viele der Gäste betonten, dass wir davon Abstand nehmen müssen. Die Bewältigung gesellschaftlicher Herausforderungen erfordert letztlich jede Form von Wissen. Dafür ist eine entsprechende Haltung erforderlich.

Sorka: Insgesamt klang allerdings leider überall durch, dass eine nachhaltige Institutionalisierung aufgrund von Förderabhängigkeiten oder politischen Kontexten und Entwicklungen schwierig ist. Die Strukturen langfristig aufrechtzuerhalten, ist nicht gegeben. Dies erfordert aktive Arbeit.

Zum Abschluss ein Gedankenspiel: Welche Assoziationen habt ihr sowohl für den Sommer – der zumindest in Berlin nun da ist – als auch für die Partizipation in der Wissenschaft?

Nadin: Ich muss daran denken, dass wir im TD-Lab immer in Phasen arbeiten. Der Winter steht für Rückzug an den Schreibtisch und konzeptionelles Arbeiten. Im Frühling werden Prozesse angestoßen. Und der Sommer symbolisiert die Umsetzung: die Ideen sprießen und wir können ernten – ein tolles Gefühl.

Sorka: Ich finde, dass sich so ein internationaler Online-Talk gut mal mit auf den Balkon oder in den nächsten Grünstreifen nehmen lässt. Dabei kann dann von einer Zukunft geträumt werden, in der wir die Institutionalisierung partizipativer und transdisziplinärer Forschung wieder ein Rädchen weitergedreht haben. Im Sommer laden außerdem Reallabore oder Stadtakteur*innen wie die Floating University hier in Berlin Bürger*innen ein, sich aktiv am Wissensaustausch zu beteiligen. Manchmal haben die Veranstaltungen einen richtigen Festivalcharakter und ich finde, sie sind ein guter Anlass das eigene Mitwirken auch mal zu feiern.

Leonie Malchow

Leonie ist über die Welt der Engagement- und Demokratieförderung bei der Citizen Science gelandet. Im Team ist sie für Projektmanagement und Kommunikation zuständig.