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Beteiligung inklusiv und konfliktsensibel gestalten – Esther Rüßler im Interview

Teilnehmende bei einem Workshop des Projekts WissKON. Foto: ConflictA

Das Projekt WissKON entwickelte im Rahmen des Wissenschaftsjahres 2025 praxistaugliche Empfehlungen für Personen, die Beteiligungsformate planen. Im Interview erklärt Esther Rüßler, wie das Online-Modul zur inklusiven und konfliktsensiblen Öffentlichkeitsbeteiligung funktioniert und warum es auch für Citizen-Science-Akteur*innen hilfreich sein kann. Sie ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung der Universität Bielefeld im Projekt ConflictA-Konfliktakademie.

Im Rahmen des Wissenschaftsjahres 2025 zum Thema Zukunftsenergie habt ihr mit der ConflictA-Konfliktakademie das Projekt WissKON umgesetzt. Worum ging es in dem Projekt und was wolltet ihr erreichen?

Rüßler: Bei der ConflictA-Konfliktakademie geht es darum, Wissen aus der Konflikt- und Gewaltforschung in Bereiche der Gesellschaft zu bringen, in denen Menschen es nutzen und damit arbeiten können. Das wollten wir mit dem Projekt WissKON speziell zum Thema Zukunftsenergie tun. Wir haben uns also Konflikte rund um die Umsetzung der Energiewende in Deutschland angeschaut und dabei unser Wissen über Konflikte im Allgemeinen eingebracht, mit dem Ziel, Werkzeuge an die Hand zu geben, Öffentlichkeitsbeteiligung inklusiv und konfliktsensibel zu gestalten.

Im Projekt ist das kürzlich veröffentlichte Online-Modul BETEILIGT entstanden. Für wen ist BETEILIGT gedacht und was kann man in dem Modul lernen?

Rüßler: In erster Linie hatten wir Kommunalverwaltungen als Zielgruppe im Kopf, aber auch allgemein Personen, Institutionen und Vereine, die Menschen beteiligen wollen. Die Inhalte des Moduls beziehen sich zwar konkret auf das Thema Energiewende, aber vieles ist auch darüber hinaus nutzbar und gilt im Prinzip immer, wenn man partizipativ arbeiten will, also zum Beispiel auch bei Stadtentwicklungsprozessen oder in Citizen-Science-Projekten. 

Bei vielen Beteiligungsprozessen ist die Gruppe der Teilnehmenden eher homogen und bildet nicht die Vielfalt der Menschen ab, die in Deutschland leben. In BETEILIGT haben wir daher viel Wissen zum Thema Inklusion aufbereitet. Dabei haben wir drei konkrete gesellschaftliche Gruppen besonders in den Blick genommen: Menschen mit Behinderungen, Menschen, für die Sprache ein Exklusionspotential darstellen kann und junge Menschen. Studien zeigen, dass diese Gruppen bei klassischen Beteiligungsprozessen häufig unterrepräsentiert sind. Das hat auch mit strukturellen Barrieren zu tun. Außerdem geht es im Modul um mögliche Konflikte in Beteiligungsprozessen. Wir erklären, wie man Konflikte bereits im Vorfeld antizipieren kann und zeigen konkrete Wege auf, mit ihnen umzugehen. 

Wie seid ihr bei der Entwicklung des Moduls vorgegangen? 

Rüßler: Zunächst haben wir selbst recherchiert und uns einen Überblick verschafft, was es in dem Bereich Energiewende und Öffentlichkeitsbeteiligung bereits an Literatur und Angeboten gibt. Im Juni 2025 haben wir einen Workshop veranstaltet, zu dem wir Expert*innen für Beteiligung und Konfliktbearbeitung eingeladen haben. Die Impulse daraus waren sehr hilfreich. Anschließend haben wir die Inhalte zusammengetragen und überlegt, wie wir sie strukturieren. Im Herbst war dann eine erste Version des Moduls fertiggestellt. Dazu haben wir uns Feedback von Expert*innen über einen Fragebogen eingeholt, sowohl was die Inhalte als auch die Funktionalität anging. Über Dialogveranstaltungen mit in Beteiligungsprozessen häufig unterrepräsentierten Gruppen haben wir ihre Perspektiven und Erfahrungen in Bezug auf Beteiligung aufgenommen. Auf Basis dieser Rückmeldungen haben wir das Modul dann noch einmal überarbeitet. 

Wie können Interessierte das Online-Modul nutzen?

Rüßler: Das Modul setzt sich aus zwei Teilen zusammen: den Grundlagen mit Informationen und der Werkstatt mit Methoden. Zum einen gibt es die Möglichkeit, das Modul von vorne bis hinten wie ein Handbuch durchzuarbeiten. Zum anderen kann man auch bedarfsorientiert nachschlagen und sich über das Navigationsmenü auf der Seite orientieren. Außerdem haben wir alle Inhalte unter „Das Modul in Kürze” zusammengefasst, sodass man schnell erfassen kann, worum es geht und von dort jeweils in die Tiefe gehen kann. 

Auch Citizen-Science-Projekte stehen oft vor einer ähnlichen Herausforderung wie kommunale Beteiligungsprozesse: Es nehmen meist dieselben Gruppen teil. Welche Ansätze aus BETEILIGT helfen dabei, Menschen anzusprechen, die sich bislang nicht eingeladen fühlen?

Rüßler: Erstmal geht es darum, zu verstehen, welche Barrieren es überhaupt gibt. Nur wenn man um die Barrieren in unserer Gesellschaft weiß, ist es möglich, sie auch zu adressieren, welches Exklusionspotential Sprache zum Beispiel darstellt oder auch wo Informationen für Menschen auffindbar sind. Wir weisen im Modul zum einen auf bereits bestehende Ressourcen wie die Ergebnisse des Projekts Wissenschaft für alle hin, das viele solcher Barrieren herausgearbeitet hat, die auf strukturelle Ungleichheiten zurückgehen. Ergänzt haben wir unter anderem die Dimension der digitalen Teilhabe, die nicht immer bedacht wird. Das war ein Impuls aus unserer Dialogveranstaltung. Menschen mit Behinderung, die zum Beispiel im Wohnheim einer Werkstätte wohnen, haben nicht immer Zugang zu einem Computer, Smartphone oder Tablet mit Internet. Und selbst wenn der Zugang vorhanden ist, sind zum Beispiel niedrigschwellige Schulungen wichtig, damit sie den Umgang kennenlernen und selbstbestimmt Informationen finden können.

Zum Antizipieren möglicher Barrieren schlagen wir in dem Modul die Persona-Methode vor. Dabei denkt man sich eine fiktive Person und ihre Lebenswelt aus und überlegt, auf welche Hürden diese Person aufgrund ihrer Voraussetzungen und Erfahrungen stoßen könnte – idealerweise im Austausch mit Menschen mit vergleichbaren Erfahrungen. Das hilft, eigene Formate und Veranstaltungen entsprechend barrierearm zu planen. 

Neben dem Thema Inklusion geht es in eurem Modul auch um Konflikte in Beteiligungsprozessen. Wie kann man Dialog ermöglichen und mit eventuellen Konflikten umgehen?

Rüßler: Beim konfliktsensiblen Arbeiten geht es erstmal darum, sich durch eine Konfliktanalyse einen guten Überblick über mögliche Konflikte im Kontext des Beteiligungsprojekts zu verschaffen. Dafür zeigen wir im Modul verschiedene Methoden, die dabei helfen können. Um Dialog zu ermöglichen, ist es ganz wichtig, offen in einen Beteiligungsprozess hineinzugehen. Wir stellen dazu das Dialogverständnis „Listen to Learn” im Modul vor. Es geht darum, dass man erstmal zuhört und versucht, den Kern hinter den Positionen zu verstehen, statt sofort zu urteilen. Wie kommt ein Mensch zu einer Aussage? Welche Interessen und Bedürfnisse stehen dahinter? 

Hilfreich ist es außerdem, direkt zu Beginn des Beteiligungsprozesses klar strukturierte Gesprächsregeln und einen Verhaltenskodex einzuführen, um Grenzen von vornherein klar und ruhig zu benennen. Man kann auch Sprech- und Zuhörzeiten festlegen, um einen gleichberechtigten Austausch zu erleichtern. 

Was hast du im Laufe des Projekts über Beteiligung neu gelernt oder verlernt?

Rüßler: Ich habe zum Beispiel gelernt, dass auch Nicht-Beteiligung ein Privileg sein kann! Wenn es einem vielleicht schon sehr gut geht und es gar nicht so ein großes Bedürfnis ist, die eigene Meinung in Veränderungsprozesse einzubringen. Es sollte nicht das Ziel von Beteiligungsformaten sein, dass sich alle beteiligen müssen. Es geht darum, dass sich alle, die das möchten, auch beteiligen können. Dazu muss man versuchen, strukturelle Barrieren so weit wie möglich zu beseitigen beziehungsweise zu adressieren. Akteure, die Beteiligungsformate durchführen, brauchen dafür Zeit und Geld. 

Fabienne Wehrle

Fabienne ist Projektmanagerin und Online-Redakteurin. Sie betreut die Plattform, kümmert sich um die Social-Media-Kanäle und ist für die Kommunikation rund um mit:forschen! Gemeinsam Wissen schaffen zuständig.