Bürgerschaftliches Engagement trifft partizipative Forschung – Julia Schlicht im Interview zum Ehrentag
Der bundesweite Ehrentag am 23. Mai 2026 macht bürgerschaftliches Engagement sichtbar und lädt zum Mitmachen ein. Im Interview erklärt Julia Schlicht von der Deutschen Stiftung für Engagement und Ehrenamt (DSEE), wie der Aktionstag auch für Citizen-Science-Projekte neue Chancen eröffnet. Außerdem geht es um die Rolle von partizipativer Forschung in der Engagementförderung und den aktuellen Forschungsaufruf der DSEE zu transdisziplinären und partizipativen Perspektiven auf Engagement und Ehrenamt.
Der Ehrentag rückt das gesellschaftliche Miteinander rund um den Geburtstag des Grundgesetzes in den Mittelpunkt. Was genau ist der Ehrentag und welche Idee steckt dahinter?
Julia Schlicht: Der Ehrentag ist ein bundesweiter Mitmachtag zum Geburtstag des Grundgesetzes am 23. Mai 2026. Im Aktionszeitraum vom 16. bis 31. Mai soll Deutschland zu einer Bühne des bürgerschaftlichen Engagements werden: Im Mittelpunkt stehen konkrete Aktionen, bei denen Menschen sich begegnen und gemeinsam engagieren können. Ziel ist es, bestehendes Engagement sichtbar zu machen, aber auch gleichzeitig neue Personen für Engagement zu gewinnen. Initiator und Schirmherr des Ehrentages ist Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier, wir von der Deutschen Stiftung für Engagement und Ehrenamt setzen die Initiative um.
Auch die ehrenamtliche Beteiligung an wissenschaftlichen Projekten ist eine Form des gesellschaftlichen Engagements. Warum lohnt es sich für Citizen-Science-Projekte, sich am Ehrentag zu beteiligen?
Julia Schlicht: Citizen-Science-Projekte stehen beispielhaft für eine aktive, mitgestaltende Zivilgesellschaft – deswegen passen sie super zur Idee des Ehrentags. Der Aktionstag bietet die Möglichkeit, wissenschaftliche Projekte für ein breites Publikum sichtbar und erfahrbar zu machen und dabei auch neue Zielgruppen anzusprechen. Gerade niedrigschwellige Mitmachformate vor Ort können Menschen ansprechen, die bislang vielleicht wenig Berührungspunkte mit Wissenschaft und Engagement hatten. Citizen-Science-Projekte können am Ehrentag neue Mitwirkende gewinnen und das Interesse an wissenschaftlicher Teilhabe stärken. Außerdem eröffnet der Ehrentag Räume für Austausch, Vernetzung und auch für die Zusammenarbeit mit anderen Initiativen, Kommunen oder Unternehmen. Dadurch können neue Kooperationen entstehen und Projekte langfristig gestärkt werden.
Wie können sich bürgerwissenschaftliche Projekte konkret einbringen?
Julia Schlicht: Da gibt es ganz vielfältige und einfache Möglichkeiten. Zentral ist, dass die Projekte als Mitmachaktion konzipiert sind oder erlebbar gemacht werden können. Die Aktionen können dann im Engagementfinder auf www.ehrentag.de eingetragen werden, um andere Menschen einzuladen. Dabei können die Projektverantwortlichen Unterstützung durch das Team des Ehrentags erhalten, beispielsweise in Form von Beratung, Online-Seminaren oder Kommunikationsmaterialien. Ziel sollte es sein, das Angebot möglichst zugänglich zu gestalten, sodass neue Menschen für Beteiligung gewonnen werden und wirklich ein Ehrentag zum Mitmachen entsteht.
Das hört sich gut an! Du leitest das Team für Forschung und Wissenstransfer der DSEE. Welche Rolle spielen denn wissenschaftliche Erkenntnisse in eurer Arbeit als Stiftung?
Julia Schlicht: Eine ganz große! In unserem Stiftungsgesetz steht, dass die Stiftung zu all ihren Aufgaben – also Beratung, Stärkung von Vereinen, Förderung von Organisationsentwicklung, Innovation und Digitalisierung – Forschung fördern und begleiten soll. Wissenschaftliche Erkenntnisse sind das Fundament, von dem aus wir unser Arbeitsprogramm gestalten und zukunftsfähiges Engagement ermöglichen.
Wie gelingt es, Erkenntnisse aus der Engagementforschung so aufzubereiten, dass sie in der Praxis von Vereinen und Initiativen tatsächlich ankommen? Welche Formate oder Ansätze haben sich dabei bewährt?
Julia Schlicht: Wir denken Forschung und Wissenstransfer eigentlich immer zusammen und sind dabei auch sehr experimentierfreudig. Das legen wir auch den Wissenschaftler*innen ans Herz, mit denen wir zusammenarbeiten und die wir fördern. Bei der DSEE haben wir schon viel ausprobiert: Zum Beispiel Fachveranstaltungen, bei denen wir Wissenschaftler*innen und Praxis zusammengebracht haben oder Science Slams zur niedrigschwelligen Präsentation von Engagementforschung. Gut etabliert hat sich auch unser Online-Format #EngagiertGeforscht. Dabei laden wir einmal im Monat Wissenschaftler*innen ein, um 90 Minuten lang wissenschaftliche Ergebnisse mit Akteur*innen aus der Praxis zu diskutieren. Wir haben aber auch gelernt, dass Informationen sehr schnell erfassbar sein müssen. Deshalb haben wir für alle von uns geförderten Forschungsprojekte einen Steckbrief erstellt, der deutlich macht, was Vereine und Engagierte aus der Forschung dieses Projektes lernen können. Wir arbeiten auch mit Infografiken und haben schon Hörfunkbeiträge und Podcasts ausprobiert. Unser Learning aus all diesen Aktivitäten ist, dass es unabhängig vom Format vor allem auf eine klare, einfache und vertrauensvolle Sprache ankommt.
Die DSEE fördert ganz verschiedene Forschungsprojekte zu Engagementthemen. Unter den derzeit laufenden Vorhaben ist das Projekt „ECOUNITY: Naturschutz für Alle” des Museums für Naturkunde Berlin. Gemeinsam mit Citizen Scientists werden hier Barrieren identifiziert, die Menschen mit Migrationsgeschichte davon abhalten, sich ehrenamtlich im Naturschutz zu engagieren, um Strategien zu deren Überwindung zu entwickeln. Was hat euch an diesem Projekt besonders überzeugt?
Julia Schlicht: Das Projekt zeichnet sich durch seinen wissenschaftlichen Zugang und das sehr komplexe Forschungsdesign aus. Hier werden gleich mehrere herausfordernde Fragestellungen verbunden. Menschen mit Migrationshintergrund sind besonders von den Folgen des Klimawandels betroffen, bleiben allerdings in der Auseinandersetzung mit dem Klimawandel eher außen vor. Genau diese Menschen mit einem Citizen-Science-Ansatz in das Forschungsprojekt einzubinden, ist sehr spannend, aber natürlich auch sehr herausfordernd. Gemeinsam mit den Projektverantwortlichen haben wir gelernt, dass es dabei eine sehr enge Begleitung der Citizen Scientists braucht und vor allem Themen und Angebote, die für die Teilnehmenden in ihrem Alltag wichtig sind. Das Projekt ist für uns außerdem besonders interessant, weil es nicht bei der Beantwortung der wissenschaftlichen Frage endet, sondern wissenschaftlich fundiert neue Engagementformate entwickelt und pilotiert. Die Erkenntnisse aus ECOUNITY fließen in Bildungsangebote ein, was wiederum anderen Vereinen und Initiativen zugutekommt. Der Wissenstransfer wird also von Anfang an mitgedacht.
ECOUNITY ist das erste Citizen-Science-Projekt, das die DSEE fördert. Citizen Science ist ein guter Ansatz, um gerade auch in der Engagementforschung unterschiedliche Perspektiven miteinander zu denken und in wissenschaftliche Projekte einzubringen.
Da knüpft auch euer aktueller Forschungsaufruf an, mit dem ihr gezielt transdisziplinäre und partizipative Projekte fördert. Warum ist der Einbezug von Partner*innen aus der Praxis gerade bei der Engagementforschung so wichtig?
Julia Schlicht: Uns geht es bei der Engagementforschung vor allen Dingen darum, gesellschaftsrelevante Fragestellungen wissenschaftlich fundiert zu beantworten und Lösungen zu entwickeln. Dafür haben sich transdisziplinäre und partizipative Forschungsansätze bewährt – nicht nur in der Engagementforschung, sondern in ganz vielen unterschiedlichen Disziplinen. Wir sind der Meinung, dass die Wissenschaft sich noch stärker öffnen muss, um Lebenswelten und -perspektiven mit einzubeziehen und den Wissenstransfer zu fördern. Die Einbindung von Akteur*innen aus der Praxis und von unterschiedlichen Wissensformen ist dafür eine gute Methode.
Mit unserem aktuellen Forschungsaufruf „Zwischen Gestaltungskraft und Druck: Transdisziplinäre und partizipative Perspektiven auf Engagement und Ehrenamt" fördern wir deshalb bis zu zehn wissenschaftliche Projekte mit je maximal 200.000 € über einen maximalen Zeitraum von zwei Jahren. Das heißt, die Projekte können frühestens am 1. Januar 2027 starten und enden spätestens am 31. Dezember 2028.
Wie können sich interessierte Forschende bewerben?
Julia Schlicht: Noch bis zum 1. Juni um 14:00 Uhr können wissenschaftliche Einrichtungen über unser Onlineportal eine Interessensbekundung abgeben. Hier suchen wir vor allem zündende wissenschaftliche Ideen: Mit welcher gesellschaftlichen Herausforderung soll sich das Vorhaben beschäftigen? Welche wissenschaftlichen Methoden werden dazu herangezogen? Wie soll das Projekt gestaltet werden? Wir bewerten dann alle Einreichungen und laden die besten Ideen zur vollständigen Antragstellung ein. Die Einsendung der Interessensbekundung ist wirklich sehr niedrigschwellig und wir freuen uns auf viele spannende Ideen!