Partizipation stärken: Über das Wecken von Neugier mit Stefanie Pietsch
Stefanie Pietsch ist Forschungsreferentin an der Evangelischen Hochschule (EH) Freiburg und hat an der ersten Ausgabe unserer Fortbildungsreihe partX teilgenommen. Wir haben sie gefragt, wie sie partizipative Forschung an ihrer Einrichtung stärken will und was es noch braucht, um das Thema an Hochschulen voranzubringen.
Seit 2015 bist du Forschungsreferentin im Research Office der Evangelischen Hochschule Freiburg. Welche Angebote stellt das Research Office für Forschende und Lehrende bereit und was sind dabei deine Aufgaben?
Stefanie Pietsch: In meiner Funktion als Forschungsreferentin berate ich zu Fragen der Forschung und Forschungsförderung. Ich begleite Professor*innen, wissenschaftliche Mitarbeitende, Doktorand*innen und Postdocs bei der Entwicklung und Umsetzung von Forschungsprojekten – von der ersten Idee bis zur Antragsstellung. Darüber hinaus wirke ich an der Weiterentwicklung der Forschungsstrategien der Hochschule mit, etwa im Bereich Open Access oder gute wissenschaftliche Praxis, und verantworte den Forschungsjahresbericht. Ein weiterer Bestandteil meiner Arbeit ist ein monatlicher Newsletter, für den ich relevante Ausschreibungen und Informationen recherchiere. Zudem konzipiere und organisiere ich Forschungsworkshops, zuletzt beispielsweise zum Thema partizipative Forschung mit Professorin Dr.in Hella von Unger von der LMU München. Neu hinzugekommen ist die Planung und Ausrichtung einer Winterschool für Doktorand*innen und Postdocs. Insgesamt ist meine Tätigkeit also sehr vielfältig und abwechslungsreich angelegt.
Welche Rolle spielte denn partizipative Forschung bislang in den Angeboten des Research Office und allgemein an der EH Freiburg?
Stefanie Pietsch: Partizipation ist ein zentrales Element der institutionellen Kultur an der EH Freiburg und spiegelt sich bereits in unserem Leitspruch „Wir verändern Gesellschaft“ wider. Dieser verweist darauf, dass gesellschaftliche Veränderung nur im gemeinsamen Handeln gelingen kann. Dieses Verständnis prägt sowohl die Strukturen der Hochschule als auch die Disziplinen und Berufsfelder, für die wir ausbilden. Als SAGE-Hochschule – mit den Fachbereichen Soziale Arbeit, Gesundheit, Erziehung und Bildung – betreiben wir überwiegend sozialwissenschaftliche Forschung, also Forschung mit und für Menschen. Viele Professor*innen sind mit partizipativen Ansätzen vertraut und setzen diese bereits um. Gleichzeitig besteht weiterhin Entwicklungspotenzial, partizipative Forschung über den gesamten Forschungszyklus hinweg konsequenter mitzudenken und umzusetzen und gegebenenfalls die Partizipationstiefe zu erhöhen.
Neben deiner Stelle als Forschungsreferentin bist du als Postdoc auch Teil des Projekts „Tigerherz … wenn Eltern Krebs haben” am Universitätsklinikum Freiburg und setzt dort Forschungsprojekte um. Hast du dabei selbst bereits Erfahrungen mit partizipativer Forschung gemacht?
Stefanie Pietsch: Ja, im kürzlich abgeschlossenen Projekt „PsyOnGa“, gefördert vom Bundesministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt, haben wir untersucht, was Familien stärkt, in denen ein Elternteil an Krebs erkrankt ist, und dabei einen Co-Design-Ansatz verfolgt. Betroffene Familien entwickelten gemeinsam mit Designer*innen und Psychoonkolog*innen konkrete Tools zur Förderung der Familienresilienz. Neben Interviews haben wir Co-Design-Workshops durchgeführt, die kreative Prozesse ermöglichten. Dadurch sind Ergebnisse entstanden, die sich deutlich von solchen unterscheiden, die aus vorab festgelegten, stärker standardisierten Vorgehensweisen hervorgehen. Die Teilnehmenden waren hoch motiviert, konnten sich direkt einbringen und zeigten großes Interesse an den Ergebnissen. Das explorative Vorgehen habe ich als sehr gewinnbringend erlebt – sowohl für die Praxis als auch für die Forschung. Diese Erfahrung hat mich nachhaltig begeistert, berührt und geprägt, sodass ich bei zukünftigen Projekten gezielt prüfen möchte, in welchen Phasen partizipative Elemente sinnvoll integriert werden können und möglich sind.
Vergangenen Herbst hast du an unserer Fortbildungsreihe partX teilgenommen, mit der wir Multiplikator*innen für partizipative Forschung in ihren Rollen als Botschafter*innen und Unterstützer*innen stärken wollen. Was hat dich dazu bewegt, dich in diesem Bereich fortzubilden?
Stefanie Pietsch: In meinem Kopf gab es viele offene Fragen zum Thema partizipative Forschung und ich wollte gerne tiefer in den Diskurs dazu einsteigen: Ab wann darf man ein Projekt partizipativ nennen? Wie wirken sich partizipative Ansätze auf wissenschaftliche Prozesse und Ergebnisse, aber auch die Rolle von Wissenschaftler*innen aus, die plötzlich zu Gastgeber*innen und Moderator*innen werden? Welche Kompetenzen braucht es, um partizipativ zu forschen? Kann man überhaupt klar zwischen einem klassischen und einem partizipativen Forschungsdesign unterscheiden und ist es sinnvoll, beides gegenüber zu stellen? Auch das Verhältnis zwischen der Offenheit partizipativer Prozesse und den Anforderungen von Förderlogiken, die häufig eine hohe Vorabfestlegung verlangen, war für mich ein zentrales Thema.
Welche Impulse aus partX konntest du für deinen Arbeitsalltag an der EH Freiburg mitnehmen?
Stefanie Pietsch: Zum einen hat mir die Bündelung an thematischen Inputs und an Hinweisen auf bestehende Materialien viel Orientierung gegeben. Das hilft mir jetzt bei der Beratung von Forschenden. Zum anderen war es toll, einige Akteur*innen aus der partizipativen Community im Rahmen der Reihe zum Beispiel als Referent*innen kennenzulernen und sie später noch kontaktieren zu können. Die Gestaltung der Fortbildung habe ich als sehr kollegial, unterstützend und auf Augenhöhe erlebt. So konnte ein Netzwerk aus Personen entstehen, die das Thema partizipative Forschung genau wie ich voranbringen wollen. Auch die partX-Ideen der anderen Teilnehmenden fand ich sehr inspirierend. Zwar konnten nicht alle meiner Ausgangsfragen abschließend geklärt werden, doch gerade die Diskussionen haben neue Perspektiven eröffnet, die mich weiterhin begleiten.
Du hast gerade die partX-Ideen angesprochen, die Teilnehmende der Fortbildungsreihe zur Stärkung partizipativer Forschung an ihren Einrichtungen entwickelt und mit finanzieller Unterstützung umgesetzt haben. Kannst du uns deine Idee vorstellen?
Stefanie Pietsch: Meine Idee ist ein interaktiver Parcours, der dazu einlädt, sich spielerisch mit partizipativer Forschung auseinanderzusetzen und bewusste Entscheidungen darüber zu treffen, ob und wie partizipative Elemente in Forschungsprojekte integriert werden können. Der Parcours ist in zwei Varianten konzipiert: eine kompakte Version als Tischspiel mit Spielplan, Karten, Würfeln und Logbuch sowie eine begehbare Variante, bei der sich die Teilnehmenden durch ein am Boden ausgelegtes Spielfeld bewegen, das die verschiedenen Phasen eines Forschungsprojekts abbildet – von der Ideenentwicklung bis zur Dissemination der Ergebnisse. Ergänzt wird dies durch physische Parcours-Elemente wie Wackelbretter oder Springseile, um den Erfahrungscharakter zu verstärken. In beiden Varianten bearbeiten die Teilnehmenden typische Grundsatzfragen und Szenarien aus partizipativen Forschungsprozessen, etwa im Umgang mit unterschiedlichen Stakeholder-Interessen oder beim Abschluss eines Projekts. Die Fragestellungen werden gemeinsam reflektiert und im Logbuch dokumentiert. Der Parcours gibt bewusst keine vorgefertigten Antworten, sondern eröffnet Denk- und Entscheidungsräume. Ergänzend stellen wir weiterführende Literatur zur Vertiefung bereit.
Wie kann der Partizipations-Parcours dabei helfen, partizipative Forschung an der EH Freiburg stärker strukturell zu verankern?
Stefanie Pietsch: Der Parcours nutzt gezielt Gamification-Elemente, um einen niedrigschwelligen Zugang zu partizipativer Forschung zu schaffen. Ziel ist es, unterschiedliche Statusgruppen als Projektteam anzusprechen, denn der Parcours wird am besten gemeinsam durchlaufen oder gespielt. Durch Gamification wird das Thema nicht nur kognitiv erschlossen, sondern praktisch erlebbar gemacht. Im Zentrum steht also nicht die reine Wissensvermittlung, sondern die aktive Auseinandersetzung mit zentralen Fragestellungen partizipativer Forschung. Die Teilnehmenden entwickeln gemeinsam Lösungsansätze, unabhängig von ihrem Vorwissen. In gewisser Weise werden sie bewusst in eine offene Situation geführt, in der sie eigene Orientierungen und Antworten entwickeln müssen. Der Parcours fungiert damit als Plattform, um innerhalb der Hochschule Austauschprozesse anzustoßen, neue Lern- und Experimentierräume zu Forschung anzuregen – die auch Spaß machen – und perspektivisch dadurch auch strukturelle Entwicklungen zu unterstützen.
Was hat bei der Umsetzung des Parcours besonders Spaß gemacht?
Stefanie Pietsch: Tatsächlich die Entwicklung des Parcours selbst. Am Anfang war nicht ganz klar, ob wir es wirklich schaffen. Ich habe den Parcours gemeinsam mit unserer wissenschaftlichen Hilfskraft im Institut für Angewandte Forschung der EH Freiburg, Lara Kunze, entwickelt und wir haben uns dabei gut ergänzt. Wir mussten von Anfang an nicht nur wie Wissenschaftlerinnen denken, sondern auch wie Designerinnen und Spielentwicklerinnen. In kurzer Zeit haben wir die Materialien aus partX gesichtet und eine tragfähige Struktur für den Parcours entwickelt. Dazu haben wir wirklich mit Papier, Schere und Kleber gearbeitet, um die Inhalte zu systematisieren. Der Prozess war gleichzeitig analytisch, konzeptionell und sehr kreativ – das hat total Spaß gemacht und uns beflügelt. Das graphische Gesamtkonzept und die Umsetzung erfolgte dann durch die Illustratorin Verena Herbst.
Was habt ihr als nächstes mit dem Parcours vor?
Stefanie Pietsch: Am 13. Oktober 2026 richten wir eine Veranstaltung zur Eröffnung des Parcours an der EH Freiburg aus. Den Parcours wollen wir dabei als begehbare Installation aufbauen. Außerdem wird Philipp Schrögel, den ich als partX-Referent kennengelernt habe, eine Keynote zur Einführung in das Thema partizipative Forschung halten. Die Eröffnung soll keine reine Informationsveranstaltung sein, sondern mit einem frischen Format Lust machen, mehr über partizipative Erforschung zu erfahren, auszuprobieren und in den Austausch zu kommen. Interessierte sind herzlich eingeladen vorbeizuschauen. Im November werden wir zudem den Parcours auf der PartWiss-Konferenz vorstellen und hoffen, dort auch noch weiteres Feedback aus der partizipativen Fachcommunity zu erhalten.
Was braucht es aus deiner Sicht, um partizipative Forschung an Hochschulen weiter voranzubringen?
Stefanie Pietsch: Aus meiner Sicht muss noch mehr Bewusstsein für partizipative Ansätze und Designs geschaffen werden. Es sollte keinen Zwang geben, partizipativ zu forschen, aber Wissenschaftler*innen sollte partizipative Forschung als mögliche Herangehensweise – mit ihren Chancen und Herausforderungen – bekannt sein. Ein sinnvoller Ansatzpunkt ist die Lehre: Man könnte bereits im Studium partizipative Forschungsansätze als Teil der Methodenlehre in Curricula integrieren. Gleichzeitig braucht es institutionelle Räume und Zeitressourcen, um zu prüfen, ob und wie partizipative Ansätze für konkrete Projekte geeignet sind. Darüber hinaus ist die Unterstützung durch Förderinstitutionen zentral, ebenso wie entsprechende Kompetenzen in Ethikkommissionen, die über Forschungsprojekte entscheiden. Nicht zuletzt sind Formate wie partX wichtig, um Sichtbarkeit zu schaffen, Austausch zu ermöglichen und Netzwerke zu stärken.