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Partizipation stärken: Über den Wert praktischer Erfahrung mit Julia Gantenberg

Foto: Leona Hofmann / Universität Bremen

Julia Gantenberg ist Referentin für Public Engagement und Partizipation an der Universität Bremen. Im Interview erzählt sie, wie ihre Praxiserfahrungen aus einem Citizen-Science-Projekt ihr in dieser Rolle helfen und was sie aus der Teilnahme an der Fortbildungsreihe partX mitnimmt, um partizipative Forschung an ihrer Einrichtung weiter zu stärken.

Du arbeitest ja bereits seit einigen Jahren im Bereich Partizipation in der Wissenschaft. Wie bist du dazu gekommen?

Julia Gantenberg: Ich habe ursprünglich in der Wissenschaftskommunikation angefangen. Damals lag der Schwerpunkt erstmal darauf, Wissenschaft verständlich und zugänglich zu machen. Dann hat sich die Wissenschaftskommunikation weiterentwickelt und ist partizipativer geworden. Ich habe zu der Zeit einige Jahre im Zentrum für Arbeit und Politik der Universität Bremen gearbeitet, wo es vor allem darum ging, im Bereich politischer Bildung Beteiligungsformate zu entwickeln, um zu Demokratisierung und Empowerment beizutragen. Da war es im Prinzip ein kurzer Schritt zu partizipativer Forschung. 

Inzwischen bist du als Referentin für Public Engagement und Partizipation an der Universität Bremen tätig. Wie sieht dein Arbeitsalltag in dieser Rolle aus?

Julia Gantenberg: Mein Arbeitsalltag ist sehr abwechslungsreich, denn ich habe viele verschiedene Aufgaben. Ich berate Forschende bei der Antragsstellung zu partizipativen Formaten, überlege mir, welche Qualifizierungsangebote für sie hilfreich sein könnten, bin verantwortlich für die Netzwerkkoordination und gestalte einen neuen Transferort an der Uni Bremen. Außerdem bin ich in die strategische Entwicklung von Wissenschaftskommunikation und partizipativer Forschung involviert. Meine Stelle ist in ein sehr agiles Transferreferat eingebunden: Über meinen eigentlichen Tätigkeitsbereich hinaus machen wir zusammen viele spannende Sachen, bei denen wir uns gegenseitig unterstützen. Langeweile kommt in meinem Job also nicht auf und es macht sehr viel Spaß.

Zuvor hast du das Citizen-Science-Projekt GINGER – Gemeinsam Gesellschaft erforschen geleitet. Worum ging es dabei und wie habt ihr Bürger*innen in die Forschung eingebunden?

Julia Gantenberg: Wir haben zum Thema gesellschaftlicher Zusammenhalt geforscht. Die Idee war, die Gesellschaft, die hier ja Forschungsgegenstand ist, auch selbst über einen Citizen-Science-Ansatz in die Forschung einzubinden. Dabei haben wir geschaut, wie man außerwissenschaftliche Akteur*innen überhaupt an sozialwissenschaftlicher Forschung beteiligen kann. Wir haben die Teilnehmenden an verschiedenen Stellen des Forschungsprozesses eingebunden und Optionen angeboten, mit wie viel Zeit sie sich einbringen wollen. Sie konnten bei GINGER sowohl eigene Forschungsprojekte über einen längeren Zeitraum durchführen, als auch punktuell bei Workshop-Formaten mitmachen. 

Wie helfen dir diese praktischen Erfahrungen mit Citizen Science bei deiner heutigen Tätigkeit als Referentin für Public Engagement und Partizipation?

Julia Gantenberg: Ich glaube, es ist total hilfreich die Praxis tatsächlich auch zu kennen – so erlebe ich das auf jeden Fall. Ich habe die Herausforderungen eines partizipativen Forschungsprojekts erlebt, selbst einen Antrag geschrieben und weiß, wie flexibel man auch manchmal sein muss. Was man sich eigentlich vorgenommen hat, funktioniert in der Realität nicht immer. Ich weiß, wie ressourcenintensiv Partizipation ist und kann Forschende dahingehend beruhigen. Gleichzeitig kenne ich die Potenziale und kann sie auch ermutigen. Ich weiß, was für tolle Ergebnisse herauskommen können, aber auch wie frustrierend die Diskussionen mit den Fachkolleg*innen über den Wert von Partizipation manchmal sind. Diese Praxiserfahrungen helfen mir sehr.

Was hat dich im Herbst letzten Jahres motiviert, dich fortzubilden und an der ersten Ausgabe von partX teilzunehmen?

Julia Gantenberg: Die erste Ausgabe der Fortbildungsreihe partX hat zeitlich perfekt zu meinem Wechsel ins Transferreferat gepasst. An partX hat mich das Konzept angesprochen: Zum einen wurde ich in meiner Rolle als Multiplikatorin für partizipative Forschung gestärkt. Zum anderen war ich gefordert, konkret ein Projekt in die Hand zu nehmen und innerhalb eines bestimmten Zeitraums umzusetzen und habe dafür finanzielle Ressourcen bekommen. Ich habe so einen bunten Strauß an Aufgaben, da hat mir partX geholfen, eine Sache rauszupicken und zu verwirklichen. Das hat mich wirklich gut nach vorne gebracht.

Was hast du außerdem mitgenommen aus deiner Teilnahme an partX?

Julia Gantenberg: Ein neues Netzwerk! Ich war im Bereich Wissenschaftskommunikation und Citizen Science schon ganz gut vernetzt. Jetzt aber auch auf der Multiplikator*innen-Ebene eine Vernetzung zu haben, ist toll.

Bei partX erhalten die Teilnehmenden eine finanzielle Unterstützung, um Ideen zur Stärkung partizipativer Forschung an ihren Institutionen zu verwirklichen. Welches Projekt hast du an der Universität Bremen angestoßen?

Julia Gantenberg: Meine Idee war es, ein Netzwerk auf Peer-Ebene zu gründen. Ich bin an der Uni Bremen dafür zuständig, partizipativer Forschung einen größeren Stellenwert einzuräumen und habe schnell gemerkt, dass das alleine schwierig ist. Aus der Community weiß ich, dass es meistens Einzelpersonen sind, die in ihren Fachbereichen partizipativ forschen, und dass ihnen Sichtbarkeit fehlt. Daher habe ich mir gedacht, ich vernetze all die engagierten Personen, die es bei uns an der Uni schon gibt und die ganz tolle Sachen machen, damit sie sich gegenseitig empowern können, gemeinsam mehr Sichtbarkeit erhalten und dadurch auch weitere Kolleg*innen ermutigen, einmal einen partizipativen Ansatz auszuprobieren. 

auf dem Bild sieht man Menschen um einen Tisch versammelt. Sie unterhalten sich und einige schreiben konzentriert auf auf dem Tisch verteilte Karten.
Beim Workshop „Transdisziplinär forschen & lehren“. Foto: Leona Hofmann / Universität Bremen

Als Auftakt für dein Vorhaben hast du Mitte April Forschende der Universität Bremen zum Workshop „Transdisziplinär forschen & lehren“ eingeladen. Wie wurde dieses Format angenommen? 

Julia Gantenberg: Das Angebot ist super angenommen worden, auch auf verschiedenen Ebenen. Die Forschenden, die ich angesprochen habe, sind sehr engagiert und hatten von sich aus großes Interesse, mitzumachen. Außerdem steht das Thema Transdisziplinarität an der Uni Bremen sehr im Fokus. Kurz vor einer Exzellenzbegehung hatte ich daher die Unterstützung der Hochschulleitung, die auch die Relevanz des Workshops explizit deutlich gemacht hat. Das hilft natürlich auch nochmal, Forschende zu gewinnen. 

Welche Themen oder Bedarfe wurden bei dem Workshop sichtbar?

Julia Gantenberg: Das klingt vielleicht banal, aber es gibt wirklich einen Bedarf dafür, einen Rahmen für den Erfahrungsaustausch untereinander zu bekommen. Also als Forscher*in dafür nicht auch noch mitverantwortlich zu sein, sondern jemand sorgt dafür, dass eine Struktur für diesen Austausch geschaffen wird. Ich hatte zum Auftakt einen Input organisiert, das kam sehr gut an und es wurde der Wunsch geäußert, ob wir nicht öfter externe Referent*innen einladen können, um uns zu bestimmten Themen besser zu qualifizieren. Auch die Idee einer digitalen Plattform für mehr Sichtbarkeit wurde sehr gut angenommen. Das ist im Prinzip einfach eine Unterseite auf unserer Webseite, die über das Netzwerk und seine Aktivitäten informiert, Ressourcen zur Verfügung stellt, aber auch Expert*innen und Best-Practice-Projekte präsentiert. 

Dein Ziel ist es, mit PEERform ein lebendiges Netzwerk an der Uni Bremen aufzubauen. Welche Schritte sind dafür aus deiner Sicht noch notwendig?

Julia Gantenberg: Wir haben das Interesse und das Commitment der Forschenden und sind jetzt an dem Punkt, das Ganze in Strukturen zu übertragen und zu etablieren. Dafür braucht es unsererseits Verbindlichkeit, diesen Rahmen bereitzustellen, damit es nicht nur bei einem Anstoß bleibt. Das heißt, wir sorgen für regelmäßige Treffen, müssen da aber auch auf die Ressourcenknappheit der Forschenden gucken. Deswegen wird das nächste Treffen jetzt im Juni eben kein dreistündiger Workshop in Präsenz, sondern ein einstündiger digitaler Termin. In Zukunft wollen wir die Treffen im Wechsel digital und in Präsenz abhalten. Weil der Bedarf nach kollegialem Austausch geäußert wurde, planen wir die Termine so, dass davor oder danach ein optionales gemeinsames Mittagessen in der Mensa stattfindet. 

Welchen Rat würdest du Kolleg*innen in ähnlichen Positionen geben, die partizipative Forschung an ihren Institutionen strukturell stärken möchten?

Julia Gantenberg: Ich würde ihnen den Rat geben, sich Verbündete zu suchen. Sowohl an der eigenen Einrichtung als auch darüber hinaus. Viele, die in diesen Positionen arbeiten, sind einzeln unterwegs und es gibt nur wenige Langzeitstellen. Da hilft es, einfach zu schauen, für wen das Thema noch interessant ist und wen man an Bord holen kann. Bei uns war es jetzt so, dass wir den Workshop mit einem benachbarten Referat zusammen machen konnten, bei dem es um Transdisziplinarität in der Lehre geht. Außerdem ist es von großem Wert, die Hochschulleitung im Rücken zu haben. Es wirkt, wenn die Hochschulleitung zeigt, dass sie ein Thema unterstützt, indem sie zum Beispiel ein Grußwort bei einer Veranstaltung spricht. Auch Netzwerke über die eigene Institution hinaus sind sehr hilfreich. In der Runde der partX-Teilnehmenden hatten wir zum Beispiel die Idee, uns zu unterstützen, indem wir uns gegenseitig als Referent*innen für unsere Veranstaltungen zur Verfügung stehen. Zusammen kann man einiges schaffen. 

Fabienne Wehrle

Fabienne ist Projektmanagerin und Online-Redakteurin. Sie betreut die Plattform, kümmert sich um die Social-Media-Kanäle und ist für die Kommunikation rund um mit:forschen! Gemeinsam Wissen schaffen zuständig.