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Partizipation stärken: Über Sichtbarkeit und Commitment mit Christin Liedtke

Foto: Jann Wilken / mit:forschen!

Christin Liedtke ist Managerin Science Communication & Events und Ansprechpartnerin für Citizen Science in der Helmholtz-Gemeinschaft. Sie beteiligte sich an der Entwicklung der Citizen-Science-Strategie 2030 und ist Mitherausgeberin des kürzlich erschienenen Handbuchs „Citizen Science – Gemeinsam forschen!”. Im Interview sprechen wir mit ihr über ihre Aufgaben und die Vorteile einer institutionellen Verankerung von Partizipation.

Du engagierst dich in verschiedenen Kontexten für die Stärkung von partizipativer Forschung, u.a. in der Programmkommission für die Konferenz PartWiss. Was motiviert dich persönlich, dich für dieses Thema einzusetzen?

Christin Liedtke: Mich treibt vor allem Neugier an! Beruflich wie privat. Ich möchte nicht nur beobachten, sondern auch mitgestalten. Partizipation ist ein gutes Instrument, um aktiv zu werden. Im beruflichen Kontext ist das konkret Citizen Science. In dem Bereich bin ich schon lange aktiv. Partizipation ist ein Feld, das seit circa drei Jahren stärker betrachtet wird und bei meinem Kollegen aus dem Wissenstransfer und mir liegt. Es ist mir wichtig, Menschen mit einzubeziehen und unterschiedliche Perspektiven zusammenbringen. So kann man viel Neues entwickeln und das finde ich, selbst nach über 10 Jahren noch spannend.

Seit 2014 bist du Ansprechpartnerin für Citizen Science in der Helmholtz-Gemeinschaft. Was sind in dieser Funktion konkret deine Aufgaben?

Christin Liedtke: Im Mittelpunkt meiner Arbeit steht die Betreuung des Kompetenznetzwerks Citizen Science@Helmholtz. Wir haben es 2018 nach einer größeren Bestandsaufnahme gegründet. So können sich Projektinitiator*innen, aber auch alle anderen Citizen-Science-Interessierten, untereinander austauschen und voneinander lernen. Ich als Communitymanagerin fungiere da sozusagen als Knotenpunkt und halte die Fäden zusammen. Ich identifiziere relevante Themen, Förderangebote, Neuigkeiten und Vernetzungsangebote für die Mitglieder und berate Kolleg*innen. Gleichzeitig beobachte ich das Feld: Was bewegt sich auf nationaler und auf internationaler Ebene? Es ist ein wichtiger Teil meiner Arbeit, sich mit Gleichgesinnten auszutauschen, zum Beispiel auf Konferenzen, und gemeinsam weiterzudenken. Mit meiner Funktion geht außerdem einher, strategische Papiere auf den Weg bringen, wie die „Citizen-Science-Strategie 2030 für Deutschland” oder auch das Handbuch „Citizen Science – Gemeinsam forschen!”. Ich kann je nach Bedarf Ansprechpersonen aus den Forschungsfeldern beispielsweise Erde und Umwelt oder Gesundheit der Helmholtz-Gemeinschaft vermitteln. Zudem sind wir natürlich im Austausch mit dem Bundesministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt, die hier ebenso stärker den Bereich bespielen.

Mit welchen Themen kommen Forschende zu dir? Oder gehst du auf sie zu?

Christin Liedtke: Sowohl als auch. Manchmal möchten Forschende zum Beispiel wissen, ob ich ähnliche Projekte kenne, Schnittstellen sehe oder es Fördermöglichkeiten gibt. Manchmal bin ich Beraterin und manchmal Konnektorin. Ich gebe Einblick in verschiedene Projekte und helfe dabei, Verbindungen sichtbar zu machen. Es ist ein großer Vorteil, dass meine Stelle in der Kommunikation angesiedelt ist. So sind die Wege kürzer, wenn wir aus dem Bereich Citizen Science etwas zu veröffentlichen haben. Zum anderen identifiziere ich aber auch innerhalb der Helmholtz-Gemeinschaft selbst Projekte, die mit Bürger*innen arbeiten, dies aber nicht unter dem Label Citizen Science tun. Ich kann ihnen dann Vernetzung anbieten oder die Sichtbarkeit des Projekts über verschiedene Kanäle beispielsweise mit:forschen! anregen. Manchmal melden sich sogar Privatpersonen mit Projektideen oder anderen Anliegen bei mir, die ich weitervermitteln kann.

Wie hat sich deiner Wahrnehmung nach in den letzten 10 Jahren die Rolle von Partizipation in der Wissenschaft gewandelt – in der Helmholtz-Gemeinschaft, aber auch allgemein?

Christin Liedtke: Partizipation ist in den letzten zehn Jahren immer wichtiger geworden. Ich würde sogar sagen, dass sie inzwischen unverzichtbar ist. Wissenschaft ist kein losgelöstes Satellitensystem. Wir brauchen Akzeptanz und Vertrauen in der Gesellschaft. Beides lässt sich nicht irgendwie verordnen, sondern muss erarbeitet werden. Hierfür braucht es von wissenschaftlicher Seite Offenheit und den Willen zu echter Beteiligung. Citizen Science ist schon sehr klar definiert, aber Partizipation sehe ich als eine Art Dach oder Überbau. Auch bei uns in der Helmholtz Geschäftsstelle wird sie weiter gefasst. Für Citizen Science war schon immer auch unsere Abteilung Innovation und Transfer relevant. In den Helmholtz-Zentren gibt es Transferstellen, in denen in den letzten Jahren auch Partizipation oder Ko-Kreation eine präsentere Rolle spielen. Die Gesellschaft bringt Fragen, Perspektiven und wertvolles Wissen mit, das wir im rein akademischen Kontext nicht haben. Wir brauchen keine Lippenbekenntnisse, sondern eine Beteiligung, die authentisch ist.

Haben sich deiner Ansicht nach auch die Möglichkeiten verändert, Partizipation einzusetzen?

Christin Liedtke: Ja, ich glaube, es ist einfacher geworden, sich einzubringen. Digitale Medien, KI oder bestimmte Tools erleichtern nicht nur die Umsetzung von Befragungen und Beteiligungsformaten, sondern machen sie auch inklusiver. So können wir für und mit der Gesellschaft forschen. Das sind wertvolle Impulse und Potenziale, die wir uns nicht entgehen lassen können.

Nicht jede Forschungseinrichtung hat eine Ansprechperson für Citizen Science. Welche Vorteile hat eine institutionelle Verankerung?

Christin Liedtke: Ich glaube, eine institutionelle Verankerung macht einen echten Unterschied – und zwar auf mehreren Ebenen. Das Thema erhält dadurch eine ganz neue Sichtbarkeit, es wird ernster genommen und es entsteht Commitment. Wiederum muss man sich das leisten können. Es entsteht ein echter Mehrwert, denn vieles kann sonst im Tagesgeschäft untergehen. Einige Projektleitende machen Citizen Science als Add-On. Partizipation ist jedoch kein Add-on. Deshalb kann es sehr wertvoll sein, eine Person zu haben, an die man sich immer wenden kann und bei der die Fäden zusammenlaufen. Wenn Forschende wissen, an wen sie sich wenden können, wird zum Beispiel durch Anträge auch wieder Neues generiert. Eine Institutionalisierung bringt Schwung in ein Thema. Sonst bleibt es nur eines unter vielen. So bekommt ein Thema eine Heimat und kann wachsen. 

Bei der Abschlussveranstaltung der ersten Ausgabe unserer Fortbildungsreihe partX konntest du die Teilnehmenden und ihre Ideen zur Stärkung partizipativer Forschung an ihren Einrichtungen kennenlernen. Ist dir dabei etwas besonders in Erinnerung geblieben?

Christin Liedtke: Ich fand diese Aufbruchsstimmung unter den Teilnehmenden, die Energie im Raum toll. Man hat gespürt, dass die Menschen, die zusammengekommen sind, wirklich etwas bewegen wollen in ihren Einrichtungen. Alle hatten Lust ihre Projektideen umzusetzen und konnten viel aus der Fortbildung mitnehmen. Der Auftakt hat Lust auf mehr gemacht und ich freue mich, dass auch zwei Helmholtz-Zentren dabei sind. So eine Förderung wie bei der Fortbildungsreihe partX wird auch weiter Früchte tragen und die Menschen sind engagiert dabei. Das finde ich echt toll.

Welche weiteren Angebote wären aus deiner Sicht noch wichtig, um Partizipation zu stärken? Welche Rahmenbedingungen wären dafür notwendig?

Christin Liedtke: Im politischen Raum hat Partizipation schon eine lange Tradition. Hier kann die Wissenschaft noch aufholen. Es gibt inzwischen mehr Konferenzen, Veranstaltungen und Foren, die Partizipation zum Leitthema haben. Das ist ein gutes Zeichen. Viele Forschende sind motiviert und haben gute Ideen, stehen aber oft alleine da und wissen nicht, an wen sie sich wenden können. Hier sind mehr Vernetzungs- und Beratungsangebote sowie Ansprechpersonen gefragt. Wenn die Projektförderung endet, gehen diese Knotenpunkte verloren. Das ist nicht nachhaltig gedacht. Ich würde mir wünschen, dass so etwas dann auch verstetigt wird. Aber ich habe das Gefühl, dass sich viel tut. Ich kenne viele engagierte Kolleg*innen, die sich mit dem Thema befassen und dessen Wichtigkeit erkennen. Ich kann mir vorstellen, dass die Motivation vieler Einzelpersonen eine Aufbruchsstimmung erzeugt und Partizipation am Ende gestärkt werden kann.

Du bist Mitherausgeberin des Handbuchs „Citizen Science – Gemeinsam forschen!”, das kürzlich veröffentlicht wurde. Erzählst du uns von diesem Meilenstein und verrätst deinen nächsten?

Christin Liedtke: Das Handbuch war natürlich ein ganz besonderer Meilenstein für mich – nicht nur inhaltlich, sondern auch persönlich. In einem so großartigen Team zu arbeiten und dieses wirklich wichtige Buch zu veröffentlichen, war eine wahnsinnig wertvolle Erfahrung. Die Autor*innen haben Hervorragendes geleistet und darauf bin ich echt stolz. Der nächste Meilenstein, an dem wir gerade arbeiten, ist ein weiteres Handbuch, diesmal zum Thema Partizipation. Da bin ich bei zwei Kapiteln Mitautorin. Ich möchte diese Themen einfach weiter mitgestalten, voranbringen und so viele Menschen wie möglich dafür begeistern.

Leonie Malchow

Leonie ist über die Welt der Engagement- und Demokratieförderung bei der Citizen Science gelandet. Im Team ist sie für Projektmanagement und Kommunikation zuständig.