Zwischen Seminar und Schrebergarten – wie Studierende und Kleingärtner*innen das Berliner Klima erforschen
Im Projekt Open Urban Climate Observatory verbinden Studierende der TU Berlin Theorie und Praxis: Im Rahmen des Seminars „Stadtklima Labor“ bauen sie Wetterstationen in Kleingartenanlagen auf, warten diese und werten die Daten aus. Dabei arbeiten sie eng mit den Kleingärtner*innen zusammen. Wir haben mit Dozent Dr. Marco Otto und den Studierenden Anne Schwind, Amelie Delhey und Alina Sting über Citizen Science und Praxisbezug im Studium, ihre Erfahrungen mit dem Projekt und dessen Zukunft gesprochen.
Marco, wie ist die Idee zum Projekt entstanden?
Marco Otto: Das ursprüngliche Citizen-Science-Projekt Open Urban Climate Observatory Berlin wurde 2023 abgeschlossen. 2025 haben wir an der Technischen Universität Berlin (TU Berlin) dann ein neues Modul eingeführt, das „Stadtklima Labor“. Das besteht aus zwei Teilen: Im ersten Semester wiederholen die Studierenden Grundlagen zum Thema Stadtklima und zur Datenanalyse. Im zweiten Semester übernehmen sie dann eine Patenschaft für eine oder mehrere Messstationen, werten die Daten aus und sind für die Kommunikationsarbeit mit den Kleingärtner*innen verantwortlich. Das war jetzt im Sommersemester 2026 der erste Durchgang und wir wollen das die nächsten Jahre so weitermachen. Dazu holten wir die Wetterstationen zur Wartung und Kalibrierung erstmal in unser Labor, denn einige dieser Stationen standen schon seit 2022 in den Kleingärten. Studierenden haben diese dann wieder dort aufgebaut und ein Semester lang betreut, indem sie Kontakt mit den Kleingärtner*innen hielten, Fotodokumentation des Umfelds anfertigten und Wartungen durchführten.
Anne, Amelie und Alina, als Studierende habt ihr das Projekt durchgeführt. Was waren dabei eure Aufgaben?
Anne Schwind: Zuerst haben wir uns in vier Kleingruppen aufgeteilt, in denen wir uns mit den Themen Lufttemperatur, Niederschlag, Luftfeuchte, Landbedeckung und Bürgerwissenschaften beschäftigt haben und jeweils für eine Forschungsfrage entschieden. Dann sind wir mit den insgesamt 10 Wetterstationen in die Kleingartenanlagen gefahren, haben sie dort wieder aufgebaut und darauf geschaut, dass alles richtig funktioniert und zum Beispiel kein Schattenwurf die Messungen beeinflusst. Dabei waren wir auch viel mit den Kleingärtner*innen in Kontakt und haben uns mit ihnen darüber ausgetauscht, wie sie die Stationen beziehungsweise die Daten nutzen. Wir waren also wirklich für die Wetterstationen zuständig, haben sie ab und zu gewartet – also zum Beispiel geschaut, dass keine Blätter in die Niederschlagsmessung gefallen sind – und in unseren Kleinruppen die Daten ausgewertet. Besonders schön war, dass wir die Ergebnisse in einem öffentlichen Vortrag den Kleingärtner*innen vorstellen durften. So konnten wir den theoretischen Teil mit unseren praktischen Erfahrungen und mit dem Wissen der Menschen vor Ort verbinden.
Wie war die Resonanz der Kleingärtner*innen? Und wie wurden sie konkret in das Projekt und die Forschung eingebunden?
Amelie Delhey: Die Resonanz war richtig gut. Es waren super viele ehemalige Teilnehmende dabei, die sich total gefreut haben, dass es wieder losgeht und dass sie ihre Messstationen zurückbekommen. Sie haben viele Fragen gestellt und wollten wissen, wie es mit dem Projekt weitergeht. Wir haben zum Beispiel auch eine Umfrage gemacht, um zu erfahren, wie oft sie sich die Daten anschauen, wofür sie die Daten nutzen und wie gut sie sich betreut fühlen. Beim ursprünglichen Projekt wurden die Forschungsfragen noch stärker gemeinsam mit den Kleingärtner*innen entwickelt. Diesmal kamen die Forschungsfragen eher von uns Studierenden.
Was habt ihr aus dem Projekt gelernt und was war der Mehrwert für euch als Studierende?
Anne Schwind: Ich fand es super spannend, so ein Forschungsprojekt mal selbst durchzuführen. Im Studium sammeln wir zwar einige praktische Erfahrungen, aber oftmals ist es doch sehr theoretisch. Die Stationen selbst zu installieren, zu warten und eigene Daten aufzunehmen, zu überprüfen, zu analysieren, Erkenntnisse daraus zu ziehen und diese dann aufzubereiten, das hatte ich in dem Umfang in meinem Studium bis jetzt noch nicht so häufig. Es sind jetzt vielleicht keine grundlegend neuen Erkenntnisse entstanden, aber ich fand es spannend, direkt vor Ort zu forschen und eigene Daten zu erheben.
Amelie Delhey: Ich habe auch zum Thema Wissenschaftskommunikation viel mitgenommen. Es war spannend, sich zu überlegen: Wie involvieren wir die Leute? Wie viel wissen sie schon? Und wie kommunizieren wir unsere Botschaften so, dass sie auch ankommen? Diesen zwischenmenschlichen Aspekt mit Personen außerhalb der Wissenschaft hatte ich in meinem Studium bisher nicht so.
Alina Sting: Forschung ist ja oft sehr exklusiv und findet ein bisschen im Elfenbeinturm statt. Deshalb fand ich es schön, dass die Kleingärtner*innen eingebunden waren, sie die Möglichkeit hatten, an der Abschlussveranstaltung teilzunehmen und wir uns mit ihnen austauschen konnten. Außerdem finde ich an diesem Praxisbezug auch toll, dass sich nicht alles nur im Hörsaal abspielt. Wenn ich mit Daten arbeite, die ich nicht selbst erhoben habe, weiß ich ja oft gar nicht, wie sie entstanden sind. Für mich hatte es deshalb einen großen Mehrwert, zu wissen, wo die Daten herkommen, und zu erfahren, was ich bei der Erhebung alles beachten muss.
Was habt ihr mit euren erhobenen Daten gemacht?
Alina Sting: Jede der vier Kleingruppen hat sich eine eigene Fragestellung ausgesucht und versucht, diese anhand der Daten zu beantworten. Der Zeitraum war zwar kurz, aber trotzdem konnten wir interessante Erkenntnisse gewinnen. Eine Gruppe hat sich zum Beispiel mit der Lufttemperatur beschäftigt und untersucht, inwieweit Kleingärten zur Abkühlung in der Nacht beitragen. Dabei konnten wir sehen, dass Tropennächte, also Nächte mit Temperaturen über 20 Grad, an den Kleingartenstandorten seltener vorkommen, als an zentraleren, urbanen Standorten. Das hat die Gruppe unter anderem auf die unterschiedliche Landbedeckung zurückgeführt. In den Kleingärten entsteht durch Verdunstung ein Kühleffekt, während versiegelte Flächen Wärme stärker speichern und diese nachts wieder abgeben. Die anderen Kleingruppen haben sich mit Niederschlag, spezifischer Feuchte und der Landbedeckung rund um die jeweiligen Messstandorte beschäftigt.
Lassen sich aus den Ergebnissen auch Handlungsempfehlungen ableiten?
Marco Otto: Es gab bei der Präsentation der Ergebnisse schon die Diskussion, ob Kleingärten im Stadtzentrum oder am Stadtrand unterschiedlich stark zur Kühlung beitragen. Ich glaube, da könnte ein Mehrwert des Projekts liegen, wir brauchen aber noch mehr Daten, insbesondere aus innerstädtischen Kleingartenanlagen, um das genauer zu untersuchen. Ein Punkt ist auch, dass die Kleingärtner*innen natürlich ein eigenes Interesse daran haben, die Bedeutung ihrer Anlagen sichtbar zu machen. Da muss man aber aufpassen, die Ergebnisse nicht zu überhöhen. Wir können aus unseren Daten zum Beispiel nicht ableiten, dass eine einzelne Kleingartenanlage für das gesamte Stadtklima Berlins wichtig ist. Die Bedeutung ist eher lokal. Das ist auch eine wichtige Erfahrung für die Studierenden, wissenschaftliche Ergebnisse richtig einzuordnen und nicht mehr daraus abzuleiten, als die Daten tatsächlich hergeben.
Wie ist der Plan für die Zukunft des Seminars und des Projekts?
Marco Otto: Wir Dozierende waren von der Abschlusspräsentation wirklich beeindruckt. Die Studierenden haben sich sehr intensiv mit der Materie auseinandergesetzt und die Ergebnisse professionell präsentiert. Ich glaube, einmal so einen Report fertigzustellen und wissenschaftliche Ergebnisse zu kommunizieren, hat echt einen didaktischen Mehrwert. Das wollen wir in der Lehre auch weiter fördern. Gleichzeitig hoffen wir, dass wir durch die Unterstützung der Studierenden wirklich langfristig ein Citizen Science getriebenes Messnetz betreiben können. Wir haben jetzt etwa 20 Stationen und wollen diese möglichst über viele Jahre weiterführen. Für Stadtklimamessungen reichen zwei Jahre nicht aus. Wir brauchen langfristige Zeitreihen, um zum Beispiel zu untersuchen, wie sich der Klimawandel auf die Kühlleistung von Kleingärten auswirkt. Die Idee ist also, das Seminar auch in den nächsten Jahren anzubieten und so langfristig wissenschaftlich nutzbare Zeitreihen aufzubauen. Außerdem wollen wir die Datenqualität verbessern. Die Studierenden dokumentieren nicht nur die Messungen, sondern auch Veränderungen an den Standorten. Das ist wichtig, weil sich zum Beispiel die Umgebung verändern kann oder eine Station eigenmächtig versetzt wird. Durch diese Dokumentation können wir aus den Citizen-Science-Daten langfristig wissenschaftlich wertvolle Daten machen. Momentan fehlen uns zwar noch finanzielle Mittel für zusätzliche Stationen, wir hoffen aber natürlich, noch mehr Kleingärten einzubinden – besonders an innerstädtischen Standorten. Es können gerne auch Menschen auf uns zukommen, die sich selbst eine Station anschaffen möchten. Wir können dann die wissenschaftliche Betreuung übernehmen. Im Moment besteht die aktive Einbindung der Kleingärtner*innen vor allem aus dem Kontakt mit den Studierenden, der öffentlichen Präsentation der Ergebnisse und der Umfrage. Das können wir als Uni ohne großen zusätzlichen Aufwand leisten, weil die Hauptarbeit von den Studierenden übernommen wird. Vielleicht können wir diesen Citizen-Science-Aspekt in Zukunft auch noch stärker ausbauen.