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Citizen Science für die SDGs in Gegenwart und Zukunft - Eindrücke vom Forum Citizen Science 2022

Forum Citizen Science 2022 © Barbara Frommann

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"Global - Regional - Lokal: mit Bürgerwissenschaften für die UN-Nachhaltigkeitsziele" lautete der thematische Rahmen für das Forum Citizen Science am 12. und 13. Mai 2022. Auf dem Campus der Hochschule Bonn-Rhein-Sieg in Sankt Augustin tauschten sich die Teilnehmer*innen dementsprechend zwei Tage lang über den Beitrag von Citizen-Science-Projekten zur Erreichung der UN-Nachhaltigkeitsziele (Sustainable Development Goals, SDGs) und die damit verbundenen Herausforderungen aus. 

Als wissenschaftlicher Koordinator von Bürger schaffen Wissen verfolgte ich natürlich gespannt die lebhaften Diskussionen in den Sessions und Workshops. Ich nahm aus den Beiträgen und Diskussionen mit, dass der Wunsch nach nachhaltiger Strukturentwicklung viele Teilnehmer*innen zur Partizipation an  Citizen-Science-Projekten motiviert. Inwieweit sie dabei allerdings die konkreten Ziele und Vorgaben des SDG-Frameworks im Hinterkopf haben, blieb für mich bis zum Ende des Forums eine offene Frage. Das hybride Abschlusspanel griff sie auf. Mit Dilek Fraisl (IIASA), Thora Herrmann (iDiv) und Maria Camila Sanint (Manizales Public Innovation Lab) nahmen drei Expert*innen mit unterschiedlichem thematischen Background auf dem Podium Platz. Meine Sicht auf die knapp einstündige Diskussion zum Thema „Go Global - Go Regional - Go Local: Citizen Science for the UN Sustainable Development Goals" möchte ich hier gerne teilen. 

Dilek Fraisl veranschaulichte in globaler Perspektive den aktuellen Beitrag von Citizen Science zu den SDGs: So können Citizen-Science-Projekte in Zukunft wesentlich zu den UN-Nachhaltigkeitszielen beitragen, tun es aktuell jedoch nur selten dezidiert. Grund hierfür ist, dass die in Citizen-Science-Projekten erhobenen Daten oftmals nicht den rigiden statistischen Voraussetzungen des SDG-Frameworks gerecht werden können. Trotz dessen bezeichnet sich Dilek Fraisl als „Pro-SDG“: Zwar steht nicht in Aussicht, dass das aktuelle SDG-Framework sich bis zum Ende seiner Laufzeit im Jahr 2030 niederschwelliger gestalten wird. Dennoch zeigt Fraisls Input, wie essentiell es ist, jetzt die Synergien zwischen Citizen Science und dem SDG-Framework zu erforschen: Da das Thema Nachhaltigkeit die Gesellschaft aller Voraussicht nach über das Jahr 2030 hinaus beschäftigen wird, kann Dilek Fraisls Forschung bei der Formulierung eines nachfolgenden SDG-Frameworks ein wichtiges Korrektiv bilden.

Thora Herrmann brachte in die Diskussion hingegen einen qualitativen Blickwinkel ein. Die Erkenntnisse aus ihrer Arbeit mit der indigenen Bevölkerung der Region in Nunavik, Kanada, führten vor Augen, dass Umweltmonitoring sich nicht in den straffen statistischen Vorgaben des SDG-Frameworks erschöpfen sollte. Für sie steht anekdotische Evidenz gleichberechtigt neben der quantitativen. So können die alltäglichen Beobachtungen der indigenen Bevölkerung über magerer werdende Rentiere ebenso treffsicher die Veränderung der Umwelt beschreiben, wie harte statistische Indikatoren. Da das Wissen um ihre Umwelt häufig intergenerational weitergegeben wird, eröffnen sich der indigenen Bevölkerung zudem aufschlussreiche Langzeitperspektiven. Freigemacht von den Voraussetzungen technischer Messinstrumente und statistischer Kennziffern können sie die alltägliche Umwelterfahrung im generationalen Längsschnitt abgleichen. Im Kontrast dazu leisten dies die SDGs in Ermangelung notwendiger Panel-Daten nur für die jüngere Vergangenheit. Ein Pluspunkt für die anekdotische Evidenz.

Die Förderung nachhaltiger Strukturen durch bürgerwissenschaftliches Engagement beschäftigt selbstverständlich nicht allein die Wissenschaft. Dafür lieferte Maria Camila Sanint mit ihrem Einblick in die Arbeit des Public Innovation Lab in Manizales (Kolumbien) ein anschauliches Beispiel. Die SDGs immer im Blick, treibt das Public Innovation Lab die lokale Förderung nachhaltiger Entwicklungsprozesse voran. Interessanterweise labeln Maria Camila Sanint und das Public Innovation Lab in Manizales ihre Arbeit nicht als Citizen Science! Wohlwissend, dass das von ihnen geförderte Engagement unter den Definitionsbereich von Citizen Science fällt. Anstatt mit dem Begriff des Citizen, die individuelle Bürger*in, an prominenter Stelle zu nennen, adressiert das Public Innovation Lab Manizales die Community, also die Gesellschaft als Ganzes. Damit ergibt sich für die Förderung nachhaltiger Entwicklung auch eine andere Motivationsstruktur: Im Zentrum steht nicht die Selbstentfaltung des Individuums durch die Bürgerwissenschaft, sondern die nachhaltige Entwicklung der Gesellschaft als Ganzes im lokalen Kontext.

Die Paneldiskussion verdeutlichte zum Abschluss des Forums also nochmals, dass es aktuell eine große Herausforderung für Citizen Scientists ist, proaktiv zu den UN-Nachhaltigkeitszielen beizutragen.  Davor sollten sie sich aber nicht abschrecken lassen. Stattdessen ist das Zusammenspiel von Citizen Science und SDGs als Prozess zu begreifen. Auf die UN-Nachhaltigkeitsagenda 2030 wird angesichts der am Horizont schwelenden Herausforderungen mit großer Wahrscheinlichkeit eine weitere UN-Nachhaltigkeitsagenda folgen. Die Arbeit des Public Innovation Lab Manziales liefert bereits jetzt eine Blaupause dafür, wie die Förderung nachhaltiger Strukturen durch das Engagement der Community gefördert werden kann. Gleichzeitig wächst in der Wissenschaft in ganz unterschiedlichen fachlichen Kontexten das Wissen darüber, wie die aktuellen SDGs modifiziert werden könnten, um ihr gesellschaftliches Aktionspotential zu kanalisieren. Daraus erwächst die Relevanz, das Zusammenspiel von Citizen Science und SDGs auch über das Forum Citizen Science hinaus weiter zu diskutieren und zu erforschen.

 


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Moritz Müller

Moritz ist wissenschaftlicher Koordinator von Bürger schaffen Wissen. Neben der Betreuung der Projekte auf der Plattform setzt er sich mit dem breiten wissenschaftlichen Spektrum rund um Citizen Science auseinander.