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„Wir wollen Eindrücke aus der Pandemie überliefern" - Ein Interview mit dem coronarchiv

Statue mit Maske / © Nick Fewings/Unsplash

Das coronarchiv sammelt Eindrücke der Corona-Pandemie in Form von Fotos, Videos, Tonaufnahmen und Texten. So soll diese Zeit für die Zukunft dokumentiert werden. Das Besondere daran: Es funktioniert auf Basis von Crowdsourcing. Bürger*innen können einschicken, was sie für relevant halten und archivieren möchten. Zwei der Verantwortlichen, die Historiker Christian Bunnenberg von der Universität Bochum und Benjamin Roers von der Universität Gießen, erzählen im Interview von dem Projekt.

Herr Bunnenberg, Herr Roers, wie sind Sie auf die Idee gekommen, das coronarchiv zu starten?

Bunnenberg: Das Ganze hat Ende März 2020 angefangen, da war gerade seit einer Woche alles dicht. Ich hatte ein paar Wochen zuvor an einer Tagung teilgenommen, bei der es um historische Situationen ging, deren Ausgang nicht klar war. Dort ging es auch darum, dass Zeitgenoss*innen solche Momente oft anders wahrnehmen als Historiker*innen in der Zukunft, die sich mit dieser Zeit dann auseinandersetzen. Und ich habe mich gefragt, wie wir in Zukunft über diese Corona-Situation sprechen werden, in der niemand wusste, wie es weiter geht. Mit diesen Überlegungen im Kopf habe ich zwei Tweets abgesetzt, wie die künftige Geschichtsschreibung das in den Griff bekommen könnte, ohne in ein lineares Erzählmuster zu verfallen, das heißt, die Geschichte der Vergangenheit als Abfolge von Ereignissen zu erzählen und damit die Offenheit der damaligen Situationen auszublenden. Wie kann man diese Offenheit und die Verunsicherung aber dokumentieren? Unter den Tweets haben andere angefangen zu kommentieren, zu posten, nachzudenken. Bis jemand geschrieben hat, man müsste einfach anfangen, Material zusammenzutragen.

Roers: Ich hatte in einem anderen Zusammenhang von der freien Software OMEKA gehört, mit der man öffentlich Archivmaterial sammeln kann. Darauf habe ich in der Diskussion auf Twitter hingewiesen und angeregt, es damit vielleicht zu versuchen. Am nächsten Tag haben wir uns dann über Skype gesprochen und überlegt, wie man so ein Projekt konkret aufziehen könnte? Neben uns beiden waren auch Thorsten Logge und Nils Steffen von der Universität Hamburg bei dem Treffen dabei. Zu viert haben wir das coronarchiv dann aufgebaut.

Bunnenberg: Nach vier Tagen waren wir online und konnten gar nicht abschätzen, was das wird. In unserer naiven Vorstellung haben wir gedacht, da kommen tagsüber fünf Posts rein, die man abends durchschauen und moderieren kann. Es hat sich schnell gezeigt, dass das Gegenteil der Fall war.

Wie viele Beiträge sind mittlerweile online und was kann man im coronarchiv entdecken?

Roers: Momentan etwa 5500 Beiträge.

Bunnenberg: In der Masse sind es Fotografien, die hochgeladen werden. Ansonsten gibt es auch Filme, Tondateien, Texte, oder Dinge, die abfotografiert wurden, also die ein anderes Format haben, aber durch Fotos dokumentiert werden. Letztlich sind alle Beiträge aber digital oder digitalisiert. Das unterscheidet uns von musealen Sammlungen.

Roers: Man kann zwischen Medienarten und Inhalten unterscheiden. In den Inhalten ist es thematisch sehr breit gefächert. Wir haben fast alles, von Menschen, die durch ihren Stadtteil laufen und Plakate fotografieren, bis hin zu Gedichten. Wir haben sogar ein Computerspiel und einige Tagebücher.

Erkennen Sie in den Beiträgen, wie die Pandemie bisher verlaufen ist?

Roers: Am Anfang hatten wir viele leere Regale und Klopapier. Dem folgten schnell Berichte von Einsamkeit und nachdenkliche Stimmungen, wir hatten viele Fotos und Reflexionen von leeren Plätzen. Dann kam die Maskenpflicht und wir haben unendlich viele Einreichungen bekommen, die Masken betreffen. Als die Tests auf den Markt kamen und die Leute angefangen haben, sich zu Hause zu testen, schlug sich das ebenfalls nieder. Die großen Zäsuren der Pandemie können wir, glaube ich, aus alltagsgeschichtlicher Perspektive abbilden.

Bunnenberg: Was ich beeindruckend finde, ist, dass das wirklich in Wellen kommt. In der ersten Welle hatten wir vor allen Dingen eine tagesaktuelle Dokumentation. Die Menschen haben etwas gesehen, fotografiert und hochgeladen. Im Mai oder Juni 2020 ist die Anspannung abgeflaut und dann kamen zum ersten Mal Einreichungen, bei denen man gesehen hat: Die Menschen schauen ihre Fotoalben auf den Handys rückblickend durch und laden Dinge hoch. Das war zum ersten Mal eine Form der Reflexion und Rückschau. Aber was mich wirklich beschäftigt, ist, dass wir so wenige Einsendungen aus dem ländlichen Raum bekommen. Ich frage mich, ob die Wahrnehmung der Pandemie zwischen ländlichem und urbanem Raum auseinanderfällt.

Für wen ist diese Sammlung an Pandemie-Eindrücken gedacht?

Roers: Wir hatten erst einmal das Bedürfnis, in Echtzeit zu sammeln, damit später diese von Christian angesprochene Offenheit dokumentiert ist. Damit klar wird: In dieser Zeit war es unklar, ob beziehungsweise wann es irgendwann vorbei ist. Ein richtiges Ziel hatten wir damit nicht, außer diese Eindrücke zu überliefern, damit spätere Generationen von Historiker*innen damit arbeiten können.

Bunnenberg: Es gibt ja schon staatliche Archive, Medienhäuser haben Archive, es wird genug dokumentiert. Wir wollten aber einen Raum schaffen, in dem Menschen sich und ihre Umwelt selbst dokumentieren können. Was die Kolleg*innen der Zukunft daraus machen, hängt von ihnen ab. Was aus meiner Sicht auch wichtig ist, ist die Dokumentation der sogenannten grauen Literatur. Also zum Beispiel die Aushänge an den Läden, die sich über die Zeit verändert haben. Das ist etwas, das wird normalerweise einfach abgerissen und weggeworfen. Oder die leergeräumten Regale im April und Mai 2020. Plötzlich wurden Toilettenpapier, Nudeln und Hefe gebunkert. Dabei sind die Deutschen nicht plötzlich zu einem Volk der Feinbäcker geworden, sondern das ist eine gesellschaftliche Reaktion auf eine Situation, die in irgendeiner Art und Weise als bedrohlich wahrgenommen wird.

Wie wird es mit dem Projekt weitergehen?

Roers: Das coronarchiv ist ein Projekt, das neben unserer eigentlichen beruflichen Tätigkeit läuft und das wir machen, weil es uns wichtig ist. Mit einigen Projektfinanzierungen konnten wir das Team zeitweilig vergrößern, was sehr hilfreich war. Nach wie vor fehlt es aber an einer grundständigen Finanzierung, um das Archiv auch langfristig betreuen zu können. Das ist bislang ein großes, ungelöstes Problem.

Roers, Bunnenberg

 

Lena Puttfarcken

Lena Puttfarcken ist freie Wissenschaftsjournalistin und promoviert am Karlsruher Institut für Technologie in Wissenschaftskommunikation. Für Bürger schaffen Wissen wirft sie regelmäßig einen Blick in die Citizen-Science-Forschung.